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Das sprachwissenschaftliche Problem der innerslavischen 'falschen Freunde' im Russischen

Schriftliche Hausarbeit
im Rahmen der Ersten Staatsprüfung
für das Lehramt für die Sekundarstufe II
mit Zusatzprüfung für die Sekundarstufe I

dem Staatlichen Prüfungsamt
für Erste Staatsprüfungen für Lehrämter an Schulen
in Köln

vorgelegt von

Daniel Bunčić

Köln, 8. Juni 2000

Gutachter: Prof. Dr. Ulrich Obst
Slavisches Institut der Universität zu Köln

 

 

INHALT

1. EINLEITUNG

2. PRAKTISCHE BEDEUTUNG DES PROBLEMS
2.1. Fehler im professionellen Bereich
2.2. Das Problem der Unprofessionalität
2.3. "Trügerische Nähe"

3. DEFINITION DES BEGRIFFS
3.1. Lexikalische Interferenzen
   3.1.1. Semantische Interferenzen
   3.1.2. Formale Interferenzen
   3.1.3. Falsche Analogien, Barbarismen und andere Fehler
3.2. Das Problem der Terminologie
3.3. Eingrenzung des Begriffs Sprache
3.4. Eingrenzung des Begriffs Wort
3.5. Probleme der formalen Kongruenz
3.6. Probleme der semantischen Nicht-Äquivalenz

4. DIACHRONISCHE BETRACHTUNG
4.1. Semantische Ursachen für Pseudo-Analogonymie
   4.1.1. Bedeutungsverschiebung
   4.1.2. Bedeutungsübertragung
4.2. Formale Ursachen für Pseudo-Analogonymie
   4.2.1. Formale Konvergenz
   4.2.2. Formale Divergenz
   4.2.3. Paronymische Anziehung
   4.2.4. Wortbildung mit den gleichen Mitteln

5. SYNCHRONISCHE BETRACHTUNG
5.1. Das Verhältnis der Bedeutungen zueinander
   5.1.1. Ebene der Gesamtbedeutung
   5.1.2. Ebene der Einzelbedeutung
5.2. Die Bedeutung absolut
5.3. Häufigkeit der Pseudo-Analogonymie
   5.3.1. Sprachpaarbezogene Quantifizierung
   5.3.2. Quantifizierung innerhalb einer Sprache

6. SPEZIELLE ASPEKTE DER PSEUDO-ANALOGONYMIE
6.1. Enantiosemie.
6.2. Scheinbar klar definierte Kohyponyme
6.3. 'Mehrdimensionale' Pseudo-Analogonymie
6.4. Systemhaftigkeit der Pseudo-Analogonymie
6.5. Synästhesie
6.6. Ethnonyme und Toponyme

7. FAZIT UND AUSBLICK

INDEX DER BEISPIELWÖRTER

VERZEICHNIS DER TABELLEN UND ABBILDUNGEN

VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN FÜR SPRACHEN

BIBLIOGRAPHISCHE ANGABEN
Verwendete Wörterbücher und Quellen
Literaturverzeichnis

ZUSAMMENFASSUNGEN (in getrennten Dateien)
Zusammenfassung
Rezjume
Abstract
 

 

1. EINLEITUNG

  Es gibt sogar Wörter, die genau das Gegenteil bedeuten. Zum Beispiel ist russisch urod die Missgeburt, aber ukrainisch vroda heißt 'Schönheit'. Vielleicht ist das eine Frage des Geschmacks.
Andrej Kurkov1

Am Beginn einer Arbeit über 'falsche Freunde' sollte eigentlich eine Erklärung dieses Begriffs stehen. Leider herrscht darüber in der Sprachwissenschaft so viel Uneinigkeit, dass eine Definition, die klärt, was ein 'falscher Freund' ist und was nicht, erst noch erarbeitet werden muss. (Dies soll in Kapitel 3 versucht werden.) Jedoch gibt es 'Prototypen', also Fälle, denen niemand ihren Status als 'falsche Freunde' (oder 'falsche Freunde des Übersetzers', 'faux amis', 'interlinguale Homonyme' usw.) absprechen würde. Hierzu gehören Wortpaarungen wie r. stol 'Tisch' und bg. stol 'Stuhl', r. divan 'Sofa' und p. dywan 'Teppich' oder r. slovo 'Wort' und kr. slovo 'Buchstabe'.

Den Anlass zu dieser Arbeit bietet die sich in den letzten Jahren wandelnde Zielgruppe des Russischunterrichts in deutschen Schulen: Bestanden die Russischkurse früher hauptsächlich aus Deutschen, so hat nun mindestens die Hälfte der Schüler eine slavische Muttersprache. Für die Didaktik stellt sich hier einerseits das Problem des 'Fremdsprachenunterrichts' an (russische) Muttersprachler, andererseits treten Interferenzen mit neuen Sprachen auf (Polnisch, Kroatisch, Makedonisch usw.). Um Letzteres geht es in der vorliegenden Arbeit.

Ziel der Arbeit ist es, zu zeigen, dass es sich lohnt, das bisher von der Sprachwissenschaft nur am Rande wahrgenommene Problem der 'falschen Freunde' mit den wissenschaftlichen Methoden der kontrastiven Lexikologie zu analysieren und es dabei nicht nur als Fehlerquelle zu betrachten, sondern vielmehr als besonderes sprachliches Phänomen. Die sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit 'falschen Freunden' bietet nicht nur Ansätze zu effektiveren Lösungen dieses Problems der Sprachdidaktik und der Übersetzungswissenschaft, sondern gibt möglicherweise auch neue Impulse in anderen Gebieten der Linguistik, z. B. Lexikologie oder Semantik.

Da nicht auf sämtliche slavischen Sprachen und Dialekte2 eingegangen werden kann, ist eine Beschränkung notwendig. Aus der Fülle an slavischen Idiomen wurden also lediglich die lebenden Sprachen ausgewählt, die kodifiziert sind und den juristischen Status einer Staatssprache haben: neben Russisch also Ukrainisch, Weißrussisch, Polnisch, Tschechisch, Slovakisch, Slovenisch, Kroatisch, Serbisch, Makedonisch und Bulgarisch. Bis auf Weißrussisch, das die soeben genannten Kriterien aber erfüllt, werden alle diese Idiome von Rehder (31998: 10) als "voll ausgestattete Standardsprachen" bezeichnet.3 Die einzige hier nicht behandelte juristisch anerkannte Staatssprache ist das Bosnische, das zwar bereits über eigene Wörterbücher verfügt; diese führen aber neben den relativ wenigen rein bosnischen Wörtern (meist Turzismen und arabische Lehnwörter) fast alle serbischen und kroatischen Wörter und Bedeutungen mit auf, was eine kontrastive Untersuchung auf 'falsche Freunde' als nicht sinnvoll erscheinen lässt.4

Alle Beispielwörter sind grundsätzlich nach ihrer Orthographie transliteriert; gegebenenfalls ist eine Akzentuierung oder Ausspracheangabe beigefügt, Letztere im Internationalen Phonetischen Alphabet.* Demgegenüber werden Zitate der Beschreibungssprache nicht transliteriert**, damit sie flüssiger zu lesen sind (außer im Falle des Serbischen, bei dem die lateinische Schrift gleichberechtigt neben der kyrillischen steht): Der im Vordergrund stehende Inhalt geht auch aus meiner Übersetzung hervor, die jedem Zitat beigefügt ist, wenn es sich bei der Originalsprache nicht um Deutsch, Englisch oder Französisch handelt.

Um bei gemeinslavischen Wörtern nicht die Formen dieser Wörter in sämtlichen Sprachen aufzählen zu müssen, wird auch in der synchronischen Analyse stellvertretend das rekonstruierte urslavische Etymon verwendet. Dieses wird mit Sternchen (*) gekennzeichnet, im Gegensatz zu ungrammatischen Formen, die mit einem hoch gestellten Pluszeichen (+) versehen sind.5

Die Arbeit ist in einen diachronischen und einen synchronischen Teil gegliedert, denen die Erarbeitung einer Definition für 'falsche Freunde' vorausgeht und die Untersuchung einiger besonderer Phänomene folgt. Ganz am Anfang soll dargelegt werden, welche praktische Bedeutung das bearbeitete Thema hat.

Zunächst aber soll hier ein Überblick über die bisher auf diesem Gebiet geleistete Forschung gegeben werden. Eine große Schwierigkeit dabei sind die vielen verschiedenen Termini, mit denen sich zum Teil vergleichbare, zum Teil aber auch unterschiedliche Vorstellungen verbinden. Am weitesten verbreitet sind Lehnübersetzungen des von Koessler und Derocquigny (1928) geschaffenen Ausdrucks faux amis: e. false friends, r. ložnye druz'ja, p. fałszywi przyjaciołe, kr. lažni prijatelji usw. sowie d. falsche Freunde, wobei zur Verdeutlichung oft das Attribut des Übersetzers hinzugefügt wird. Daneben gibt es die im Englischen verbreitete Variante false cognates 'falsche Verwandte'.

Da sich diese sehr bildlichen Ausdrücke nicht in die sonst hauptsächlich aus Gräzismen und Latinismen bestehende Wissenschaftssprache einpassen, werden sie von vielen Linguisten6 abgelehnt, zumal sie in der didaktischen Praxis tatsächlich häufig ohne theoretische Reflexion gebraucht werden. Stattdessen wandelt man Begriffe aus der Lexikologie ab, um sie auf den Sprachvergleich anzuwenden. In erster Linie wird der Begriff Homonymie benutzt; man redet also von zwischensprachlichen Homonymen, e. inter-lingual homonyms, r. mež"jazykovye omonimy usw. Daneben finden sich die Begriffe Paronymie und Tautonymie. Kozielewski (1959) verzichtet im Titel seines Wörterbuchs sogar ganz auf die Auswahl eines Terminus und behilft sich mit der Umschreibung wyrazy o podobnym brzmeniu a odmiennym znaczeniu 'Ausdrücke mit ähnlichem Klang, aber unterschiedlicher Bedeutung'.

In Tab. 1 sind einige Termini für dieses Phänomen aufgelistet, jeweils mit einem wichtigen Werk, das diesen Ausdruck benutzt.

Tab. 1: Liste der Termini für 'falsche Freunde'

Terminus auf Deutsch Terminus im Original Fundstelle7
falsche Freunde, auch faux amis fr. faux amis Koessler/Derocquigny 1928
(zwischensprachliche) Homonyme und Paronyme č. homonimia a paronimia Vlček 1966
falsche Paare e. false pairs Ivir 1968
zwischensprachliche Homonyme bg. mežduezikova omonimija Smolska 1972
verräterische Wörter č. zrádná slova Radina 1975
Pseudo-Analogonyme d. Pseudoanalogonyme Hengst 1977
Trügerische Wörter e. deceptive words Wełna 1977
Interlingue fr. interlingues Svobodová-Chemlová 1982
Pänidenteme fr. pénidentemes Reiner 1983
Approximate p. aproksymaty Karpaczewa 1985
(zwischensprachliche) Paronyme fr. paronymes Čemerikić u. a. 1988
Tautonyme p. tautonimy Lipczuk 1990
trügerische Verwandte e. false cognates Parkes 1992
die schönen Treulosen fr. les belles infideles Hönig 21997: 119
verräterische Zwillinge e. treacherous twins Pascoe/Pascoe 1998: 4
Falsiäquivalente č. falsiekvivalenty Šipka 1999: 11
trügerische Entsprechungen p. złudne odpowiedniki Šipka 1999: 11

Ein umfassender Überblick über die in verschiedensten philologischen Disziplinen geleistete Forschung zu 'falschen Freunden' kann im dieser Arbeit zur Verfügung stehenden Rahmen nicht gegeben werden. (Eine ausführliche Bibliographie gibt Reiner 1983, eine Zusammenfassung Haschka 1989).

Festzuhalten ist, dass die Idee der 'falschen Freunde' nicht erst in diesem Jahrhundert aufkam, sondern dass es Sammlungen 'falscher Freunde' "auch aus früheren Jahrhunderten" gibt (Haschka 1989: 149). Beispielsweise nennt Smolska (1972: 73) Samuel Bogumil Lindes handschriftliches russisch-polnisches Wörterbuch vom Beginn des 19. Jahrhunderts, in dem bereits einige 'falsche Freunde' vermerkt worden seien. Jedoch gab Koesslers und Derocquignys Werk von 1928 über 'falsche Freunde' zwischen dem Französischen und dem Englischen der Sprachwissenschaft neben dem Terminus faux amis wohl den entscheidenden Impuls zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Phänomen.

In der Slavistik entstanden seit Ende der 60er Jahre Wörterbücher 'falscher Freunde' zwischen dem Russischen und den westlichen Sprachen Englisch (Akulenko 1969), Französisch (Murav'ev 1969) und Deutsch (Gottlieb 1972), die – wie auch das Vorbild Koessler/Derocquigny (1928) – hauptsächlich aus Lehnwörtern bestehen. Den gemeinsamen Erbwortschatz untersuchen Wörterbücher eng verwandter Sprachen, von denen das erste in der Slavistik (Kozielewski 1959) Polnisch und Russisch behandelt. Bis heute sind Sammlungen innerslavischer 'falscher Freunde' im Russischen für Polnisch (Kozielewski 1959, Birbrajer 1987), Tschechisch (Vlček 1966 und Žuravlev/Zacharov 1977), Weißrussisch (Hrabčykau 1980), Serbisch (Čemerikić u. a. 1988) und Ukrainisch (Kočerhan 1997) erschienen.

Daneben existieren nicht wenige sprachwissenschaftliche Abhandlungen zu diesem Thema, die auch weitere Sprachen berücksichtigen, zu denen kein Wörterbuch existiert (z. B. Bulgarisch: Smolska 1972, Dimitrova 1983, Karpov 1983 und 1998, Čongarova 1992 und 1995), oder die sich mit dem Problem allgemein befassen (z. B. Budagov 1974, Plotnikau 1979). Von theoretischem Interesse für diese Arbeit sind außerdem die Wörterbücher 'falscher Freunde' zwischen Tschechisch und Polnisch (Lotko 1986) und zwischen Serbisch und Polnisch (Šipka 1999).

Es ist kaum zu vermeiden, dass die eine oder andere interessante Publikation übersehen wurde; dies gilt auch für die als Monographien erschienenen Wörterbücher innerslavischer 'falscher Freunde', da diese in der Regel in nur geringer Auflage in den Ländern der primären Zielgruppen vertrieben werden und daher schwer zugänglich sind.

 

2. PRAKTISCHE BEDEUTUNG DES PROBLEMS

Einige wenige Fälle von Missverständnissen aufgrund 'falscher Freunde', die weit reichende Folgen hatten, sind geradezu berühmt, so z. B. die Mengen an Maisbrot, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mangels Weizen verzehrt werden mussten, weil im Rahmen des Marshallplans "Korn" – oder e. corn in seiner britischen Bedeutung 'Getreide' – angefordert worden war, woraufhin die USA corn 'Mais' lieferten (Vartan'jan 1975: 167; Haefs 91998: 76). Bei Vartan'jan (1975: 167) findet sich außerdem ein Hinweis darauf, dass während des Zweiten Weltkriegs eine spanische Untergrundorganisation nach Deutschland meldete, Churchill wolle sich mit Roosevelt in Casablanca treffen. Die deutschen Geheimdienste aber übersetzten sp. Casablanca wörtlich mit Weißes Haus und erwarteten Churchill daher in Washington. Einen weiteren Fall8 zitieren Milan und Sünkel (1990: vii):

Nel 1917, durante la prima guerra mondiale, la stampa dei paesi alleati riporto voci allarmanti su fabbriche tedesche, le quali, si diceva, producevano glicerina, grasso e mangime per porci utilizzando i cadaveri dei soldati caduti in combattimento. Un'ondata di sdegno pervase il mondo e si invoco ad alta voce la giusta punizione per il trasgressore delle leggi morali e naturali. Si trattava pero di un falso allarme. Cos'era successo? Un piccolo sbaglio di traduzione! Negli organi di stampa delle potenze alleate, la parola tedesca Kadaver era stata tradotta con l'inglese cadaver, col francese cadavre, l'italiano cadavere, termini che stanno tutti a indicare primariamente un "corpo umano morto", mentre Kadaver in tedesco significa "corpo di animale morto".
Übers.: 1917, während des Ersten Weltkriegs, berichtete die Presse der alliierten Länder von alarmierenden Gerüchten über deutsche Fabriken, die angeblich Glyzerin, Fett und Butter für Schweine produzierten, indem sie die Leichen im Kampf gefallener Soldaten benutzten. Eine Welle der Empörung ging durch die Welt, und man verlangte lautstark die gerechte Bestrafung der Übertreter der Gesetze von Moral und Natur. Aber es handelte sich um falschen Alarm. Was war geschehen? Ein kleiner Übersetzungsfehler! In den Presseorganen der alliierten Mächte war das deutsche Wort Kadaver mit englisch cadaver, französisch cadavre und italienisch cadavere übersetzt worden, Ausdrücke, die alle in erster Linie einen 'toten menschlichen Körper' bezeichnen, während Kadaver im Deutschen einen 'toten Tierkörper' meint.

In diesem Kapitel soll nun geklärt werden, wie häufig das Problem der 'falschen Freunde' im Alltag (also außerhalb solcher berühmter Einzelfälle) auftritt, welchen Stellenwert es hat und wie man sinnvoll dagegen angehen kann.

 

2.1. Fehler im professionellen Bereich

Obwohl das Problem der 'falschen Freunde' meist in das Gebiet der Übersetzungswissenschaft eingeordnet wird, wird es gerade von Übersetzungswissenschaftlern häufig nur am Rande wahrgenommen. Allgemein herrscht die Meinung vor, dieses Problem stelle sich eigentlich nur im Lernstadium und gehöre daher in die Anfängerdidaktik.9

Tatsächlich aber finden sich Fehler auch in professionellen Literaturübersetzungen. Bei Marojević (1989) basiert das Kapitel über interlinguale Homonyme ausschließlich auf Literaturübersetzungen von professionellen Übersetzern und Literaturwissenschaftlern; eines der Beispiele stammt aus der Übersetzung eines Gesprächs mit Aleksandr Blok aus dem Russischen (Aljanskij 1972: 109) ins Serbische10 (Bogdanović 1971: 64):

[Russisches Original:] Čital on, stoja posredine éstrady, opirajas' obeimi rukami na spinku stula...
[Serbische Übersetzung:] Čitao je on stojeći nasred estrade i opirući se obema rukama o naslon stolice...
[Kommentar:] Nije jasno kako se prevodilac nije dosetio da se ne može čitati "opirući se obema rukama o naslon stolice" nego samo recitovati, govoriti. (Marojević 1989: 23)
Übers.:
[Russisches Original:] Er stand in der Mitte der Bühne und rezitierte, wobei er sich mit beiden Händen auf die Lehne eines Stuhls stützte...
[Serbische Übersetzung:] Er stand in der Mitte der Bühne und las, wobei er sich mit beiden Händen auf die Lehne eines Stuhls stützte...
[Kommentar:] Es ist nicht klar, warum der Übersetzer nicht gemerkt hat, dass man, während man "sich mit beiden Händen auf die Lehne eines Stuhls" stützt, nicht lesen kann, sondern nur rezitieren oder sprechen.

Aber nicht nur Übersetzer, sondern auch Lexikographen unterliegen bisweilen 'falschen Freunden': So führen sämtliche Wörterbücher – z. B. auch der NROS (1992) und der RNOS (1989) – für d. Krabbe ausschließlich r. krab auf (und umgekehrt), als handele es sich um eine ein-eindeutige Beziehung. Im Bol'šoj énciklopedičeskij slovar' (1997: s. v. kraby) ist krab jedoch folgendermaßen definiert:

KRABY (korotkochvostye raki), razdel bespozvonočnych otr. desjatinogich rakoobraznych. Šir. golovogrudi do 60 sm. Sv. 4 tys. vidov, preim. v tropikach. Živut v morjach, presnych vodach, reže na sušče [...].
Übers.: [...] (Kurzschwanzkrebse), Abteilung wirbelloser Arten zehnfüßiger Krebstiere. Breite des Kopfbruststücks bis 60 cm. Über 4000 Sorten, v. a. in den Tropen. Leben in Meeren und im Süßwasser, seltener auf dem Land [...].

Genau in dieser Bedeutung wird das Wort krab auch tatsächlich benutzt. Im Deutschen existiert in Enzyklopädien für Krabbe zwar ebenfalls diese Definition (zoologisch Brachyura), im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet Krabbe jedoch ausschließlich kleine Krebstiere: So ist auch in Meyers großem Taschenlexikon (71999: s. v. Garnelen) beschrieben: "Ostsee-G[arnelen] (Palaemon squilla), etwa 6 cm lang, werden zu Konserven (Krabben) verarbeitet". Diese werden im Russischen meist als krevetki bezeichnet, womit die gemeinsprachliche Bedeutung dieses Wortes weiter gefasst ist als d. Krevette, das nur die Felsengarnele (Palaemon serratus) oder die Nordseegarnele (Crangon crangon) meint.11

 

2.2. Das Problem der Unprofessionalität

Ein weiterer Grund für die Brisanz des Problems der 'falschen Freunde' ist die allgemein sinkende Professionalität von Übersetzungen. Ein Grund hierfür mag die Tatsache sein, dass durch die Verbreitung und die hohe Leistungsfähigkeit des PCs Veröffentlichungen vom Autor häufig bereits druckreif zur Vervielfältigung abgegeben werden. Damit wird neben dem Setzer auch der Lektor umgangen, und gute Übersetzer scheinen oftmals nur unnötiges Geld zu kosten. So kommt es, dass an herausragenden (und dementsprechend teuren) Stellen, etwa in der Werbung, vermeidbare Fehler zu finden sind,12 so auf einem zu Stadtrundfahrten einladenden Bus in London die Aufschrift "Welcome! Bienvenu! Willkommen! Privetstvie!" – mit r. privetstvie 'Willkommen, Willkommensgruß' statt dobro požalovat' 'herzlich willkommen!'. Auf einem Werbeplakat für einen deutschen Verlag mit dem gleichen Text wurde statt dobro požalovat' <želapyj> übersetzt, womit offenbar želannyj 'willkommen, erwünscht' gemeint war.13 In beiden Fällen scheint der 'Übersetzer' einfach die erste im Wörterbuch angegebene Entsprechung abgeschrieben zu haben, ohne jemanden mit wenigstens rudimentären Russischkenntnissen um Rat zu fragen oder die grammatischen Angaben des Wörterbuchs zu beachten. Hönig (21997: 117–121) zitiert eine Reihe ähnlicher Fälle von Laienübersetzungen, aus denen er folgenden plausiblen (wenn auch etwas polemisierenden) Schluss zieht:

Es gibt wohl außer dem Übersetzen kaum eine Berufstätigkeit, zu der sich praktisch jeder ohne Ausbildung befähigt fühlt. Selbst Heimwerker informieren sich mit Handbüchern oder Aufbauanleitungen, bevor sie den ersten Handgriff machen. (Hönig 21997: 118)

 

2.3. "Trügerische Nähe"14

Nah verwandte Sprachen scheinen sogar seriöse Übersetzer dazu zu verleiten, ihre Kenntnisse zu überschätzen. Dies gilt neben den slavischen z. B. auch für die romanischen Sprachen, hier Spanisch und Französisch:

Dans la traduction d'une loi espagnole publiée par une revue de haute tenue, l'expression " sin embargo " " toutefois " était traduite par " sauf en cas d'embargo ". Imagine-t-on une personne ignorant le mot " jedoch " ou " however " qui se chargerait de traduire en français une loi allemande ou anglaise ? (Dupont 1961: 9)

Bleibt aber bei der schriftlichen Übersetzung immerhin noch Zeit, über eine Fehlübersetzung in Zweifel zu geraten und das Wort nachzuschlagen, so lässt der Reisende im nah verwandten Sprachgebiet das Wörterbuch grundsätzlich in der Jackentasche, sobald er ein Wort aufgrund der formalen Ähnlichkeit mit einem Wort der eigenen Sprache zu verstehen glaubt.

Daher begriff ein mit dem Auto von Deutschland nach Hause fahrender Russe erst, als er Polen schon fast durchquert hatte, dass die Menschen, die ihm den Weg mit vielen naprawo 'nach rechts' und nalewo 'nach links' erklärten, sich nicht über ihn lustig machen wollten, wenn sie ihre komplizierten Erklärungen stets mit prosto abschlossen: Damit meinten sie nicht 'einfach, simpel', wie der Reisende aufgrund des russischen Wortes prosto dachte, sondern 'geradeaus'. Schlimmer traf es zwei slovakische Touristinnen, die in der polnischen Tatra auf der Suche nach einer Toilette kilometerweit Wegweisern mit der Aufschrift zachód 'Westen' folgten, da das slovakische Wort záchod 'Abort' bedeutet.15

Schriftlich fixiert werden solche alltäglichen Missverständnisse dann, wenn sie prominente Persönlichkeiten betreffen, z. B. Il'ja Érenburg und Ernest Hemingway:

I. Érenburg rasskazyvaet o svoej vstreče s É.Cheminguéem. Pervyj govoril po-francuzski, vtoroj — po-ispanski. Érenburg sprosil o novostjach (po-francuzski nouvelles), a Cheminguéj rešil, čto interesujutsja ego romanami (po-ispanski novellas). "Ložnye druz'ja perevodčika" čut' bylo ne possorili pisatelej. Pozdnee vse raz"jasnilos' (Érenburg 1967: 149, zit. nach Budagov 1974: 142).
Übers.: I. Érenburg erzählt von seinem Treffen mit E. Hemingway. Ersterer sprach Französisch, Letzterer Spanisch. Érenburg fragte nach Neuigkeiten (auf Französisch nouvelles), aber Hemingway dachte, man interessiere sich für seine Romane (auf Spanisch novellas). Die Schriftsteller hätten sich fast über die 'falschen Freunde des Übersetzers' zerstritten. Später klärte sich aber alles auf.

Die Liste der Beispiele solcher Missverständnisse mit nah verwandten Sprachen ließe sich schier endlos fortsetzen. Sie macht deutlich, dass der Nährboden für Missverständnisse durch 'falsche Freunde' die Überschätzung der eigenen Sprachkompetenz ist: Die große Zahl bekannt klingender (bzw. aussehender) Wörter, von denen tatsächlich die Mehrheit 'wahre Freunde' darstellt, vermittelt den Eindruck, man verstünde den Text besser als dies tatsächlich der Fall ist. Die bereits angeführten Beispiele haben gezeigt, dass dieses Phänomen in gleicher Weise auf allen Stufen der Sprachkenntnis anzutreffen ist: Vom Sprachkontakt ohne Vorbereitung über das Anfänger- und Fortgeschrittenenstadium Lernender bis zum professionellen Übersetzer. Daher wird die vorliegende Arbeit sich auch nicht auf den Russischunterricht in der Schule beschränken, sondern alle Situationen des Kontakts zwischen Russisch und einer anderen slavischen Sprache berücksichtigen.

 

3. DEFINITION DES BEGRIFFS

3.1. Lexikalische Interferenzen

3.1.1. Semantische Interferenzen

Fast jedes der eingesehenen Werke zu 'falschen Freunden' enthält eine eigene Definition dieses Begriffs. Die allen gemeinsame Grundidee lässt sich jedoch folgendermaßen ausdrücken:

The best definition of the problem one can give is probably in Saussurean terms. In the learner's mother tongue a particular signifiant is associated with a particular signifié. Once the signifiant appears, even in a foreign-language context, the above-mentioned association is so strong that the user automatically thinks of his mother-tongue signifié (in its totality). (Hayward/Moulin 1984: 190)

Im Folgenden beziehen sich Hayward und Moulin aber durchaus nicht nur auf die Schwierigkeiten im Bereich der Bedeutung, sondern zählen eine Reihe 'falscher Freunde' mit identischer Bedeutung und formalen Unterschieden auf. Auf ganz ähnliche Weise bringt Gauger (1989: 581) zunächst eine rein semantische Definition:

'Falsche Freunde' sind Wörter der fremden Sprache [...], die Wörtern der eigenen Sprache materiell mehr oder weniger ähnlich sind, aber eine mehr oder weniger verschiedene Bedeutung haben.

Im Anschluss an diese 'klassische' Definition plädiert Gauger jedoch dafür, den Begriff "aus praktischen Gründen" (1989: 581) auf andere Schwierigkeiten auszudehnen, für die er eine ausführliche Klassifizierung anbietet. Solche Listen finden sich bei verschiedenen Autoren, z. B. auch Kühnel (21982: 5 ff.), Haschka (1989: 150), Breitkreuz (1991: 11 f.) und Svobodová-Chemlová (1982; zit. nach Haschka 1989: 150 f.), die sich vor allem in der Anordnung und Gliederung unterscheiden. Dieses Kapitel (3.1) gibt einen Überblick, der alle dort aufgeführten Typen von 'falschen Freunden' zusammenfasst.

Den oben zitierten Definitionen entsprechen die semantischen 'falschen Freunde' (fr. faux amis de sens), die sich in vollständige (totale) und partielle 'falsche Freunde' unterteilen. Erstere sind die 'eigentlichen' 'falschen Freunde' mit komplett unterschiedlichen Bedeutungen:

 (1) r. naglyj = č. drzý, nestydatý 'frech, unverschämt'
č. náhlý = r. vnezapnyj 'plötzlich'

Die partiellen 'falschen Freunde' haben hingegen neben mindestens einer unterschiedlichen Bedeutung auch eine Bedeutung gemeinsam.

 (2) r. žena = mk. žena 'Ehefrau, Gattin'
mk. žena = r. ženščina 'Frau'

Ausführlicher wird dieser Unterschied in Kapitel 5.1.1 erläutert (vgl. besonders Abb. 3).


 

3.1.2. Formale Interferenzen

Den semantischen stehen die formalen (oder auch materiellen) 'falschen Freunde' gegenüber (fr. faux amis de forme, von Svobodová-Chemlová presqu'amis genannt), die nach den Ebenen der Sprache zu gliedern sind. Die orthographische Ebene (z. B. fr. danse : e. dance) spielt in den slavischen Sprachen keine so große Rolle, da die meisten ein phonologisches Schriftsystem haben. Zwar ist die russische Orthographie historisch und morphologisch, jedoch sind die hier auftretenden Probleme (Doppelkonsonanten in Fremdwörtern, unbetonte Vokale) sprachintern und beruhen nicht auf Interferenz. In der Phonologie ist vor allem die Betonung ein Problem (z. B. r. períod : bg. periód 'Periode', r. primér : bg. prímer 'Beispiel'). Zwischen Phonologie und Morphologie sind die strukturellen 'falschen Freunde' anzusiedeln (z. B. d. Admiral : fr. amiral), die zwischen den slavischen Sprachen sehr verbreitet sind:

 (3) a. r. butylka  :  p. butelka 'Flasche'
b. r. papirosy  :  p. papierosy '(Art starker) Zigarren'
c. r. svëkla  :  kr. cikla  :  sb. cvekla 'rote Bete'
d. r. ščëtka  :  kr. četka 'Bürste'

Besonders zahlreich sind solche strukturellen Unterschiede bei Fremdwörtern aus nicht-slavischen Sprachen, die teilweise auf unterschiedlicher Vermittlung beruhen (z. B. griechische Wörter entweder direkt aus dem Griechischen oder über lateinische Vermittlung).

 (4) a. r. chimija  :  kr. kemija  :  sb. hemija 'Chemie'
b. r. mramor16  :  p. marmur  :  mk. mermer 'Marmor'
c. r. cirk  :  č. cirkus 'Zirkus';   aber r. poljus  :  č. pól 'Pol'
d. r. graf  :  p. hrabia  :  sln. grof 'Graf'
e. r. kofe  :  ukr. kava  :  sb. kafa  :  bg. kafe 'Kaffee'

Morphologische 'falsche Freunde' bestehen in den slavischen Sprachen vor allem in der Wortbildung (z. B. r. listva : sb. lišće 'Laub', r. roditeli : p. rodzice 'Eltern'). In romanistischen Arbeiten zu 'falschen Freunden' haben die Unterschiede im Genus einen hohen Stellenwert. Diese gehen in der Slavia jedoch meist mit einer veränderten Nominativform einher, so dass sie leichter gelernt werden können:

 (5) a. r. jarmarka f. 'Jahrmarkt, Rummel'  :  č. jarmark m. 'Jahrmarkt, Messe'
b. r. problema f.  :  p. problem m. 'Problem'
c. r. flot m.  :  mk. flota f. 'Flotte'
d. r. duplo n.  :  kr. duplja f. 'Astloch'

In einigen wenigen Fällen gibt es Genus-Unterschiede, die nicht an der Nominativ-Endung abzulesen sind, nämlich bei ursprünglichen i-Stämmen. Ein Teil dieser heute im Nominativ auf Konsonant auslautenden Substantive hat sich in verschiedenen Slavinen der Klasse der (ebenfalls auf Konsonant endenden) männlichen Substantive angeschlossen:

 (6) a. r. ploščad' f.  :  bg. ploštad m. 'Platz'
b. r. myš' f.  :  kr. miš m. 'Maus'
c. r. krovat' f.  :  sb. krevet m. 'Bett'

In diesem Fall äußert sich das Genus vor allem syntaktisch durch die kongruierenden Adjektive. In der Syntax der Verben sind ebenfalls Unterschiede besonders in der Rektion zu finden (z. B. kr. čekati + Akk.  :  p. czekać + na + Akk. 'erwarten, warten auf').

Ein für die hauptsächlich isolierende Sprache Englisch wichtiger Sonderfall der formalen 'falschen Freunde' ist der 'Wortartwechsel', wo ein formal entsprechendes und vom selben Stamm gebildetes Wort eine andere Wortart hat. Dieser Fall ist in den stark flektierenden slavischen Sprachen sehr selten:

 (7) r. len' = sb. lenost 'Faulheit, Trägheit'
sb. len = r. lenivyj 'faul, träge'
 (8) r. proba = mk. proba 'Probe'
mk. proba = r. probovat' 'probieren'

 

3.1.3. Falsche Analogien, Barbarismen und andere Fehler

Die bisher aufgeführten Typen 'falscher Freunde' basieren alle auf der ähnlichen Form der verglichenen Wörter. Gauger (1989: 583 f.) zählt zu den 'falschen Freunden' außerdem Wörter mit teilweise unterschiedlichen Bedeutungen, die keine äußerliche Ähnlichkeit haben, z. B. d. waschen : sp. lavar 'waschen; putzen; spülen', was zu von Spaniern produzierten Äußerungen führt wie +ich muss mir noch die Zähne waschen oder +ich muss noch das Geschirr waschen.

Eine wichtige Gruppe 'falscher Freunde', die von den meisten Autoren aufgeführt wird, sind die von Svobodová-Chemlová (1982) sans-amis und von Murav'ev (21985: 5 f.) mots-fantômes genannten Barbarismen, also Wörter, die in der Fremdsprache gar nicht vorkommen:

Das deutsche Wort Banane macht dem Deutschsprechenden schon im Deutschen einen "spanischen" Eindruck; er meint auf Grund der materiellen Beschaffenheit des Worts und aus Gründen, die mit dem zusammenhängen, was das Wort bezeichnet, das entsprechende Wort müsse im Spanischen ebenso lauten [...]; in Spanien aber ist dieses Wort ungebräuchlich; hier heißt die [...] Frucht el platáno. (Gauger 1989: 589)

Vielfältige Beispiele für Barbarismen gibt es auch aus dem deutsch-englischen Sprachkontakt, z. B. d. Handy im Sinne von e. mobile oder cellular phone (e. handy 'praktisch' existiert nicht als Substantiv) oder d. Showmaster im Sinne von e. host (e. +showmaster), sowie aus dem deutsch-französischen, z. B. d. Frisör für fr. coiffeur (fr. +friseur) oder d. Blamage für fr. compromission (fr. +blâmage). Neben diesen spezifisch 'englisch', 'französisch' usw. markierten Wörtern sind auch generell Internationalismen betroffen: So scheint ein Wort wie Theater international verwendet zu werden (e. theatre, fr. théâtre, r. teatr, p. teatr usw.); daher könnte z. B. ein Russe auch im Tschechischen, Kroatischen oder Serbischen dieses Wort (in einer an die jeweilige Sprache angepassten Form) verwenden, obwohl es in all diesen Sprachen nicht existiert (stattdessen č. divadlo, kr. kazalište, sb. pozorište). Zwischen nah verwandten Sprachen wie den slavischen stellt sich dieses Problem aufgrund der hohen Übereinstimmung auch des Grundwortschatzes zusätzlich bei 'slavischen', also nicht als Fremdwörter markierten Wörtern, womit sämtliche sich nicht deckenden Wörter betroffen sind, z. B. kr. ploča 'Platte, Tafel' für r. doska (r. +ploča) oder p. kos 'Amsel' für r. čërnyj drozd (r. +kos).

Breitkreuz (1992: 243–283) geht des Weiteren ausführlich auf die so genannten Confusibles ein, z. B. e. elementary : elemental zu d. elementar. Die hier auftretenden Probleme beruhen jedoch nicht auf Interferenz, sondern bereiten "in bestimmten Fällen selbst dem native speaker Schwierigkeiten" (Breitkreuz 1992: 243). Diese Wortpaare heißen in der Lexikologie Paronyme und sind z. B. für das Russische in eigenen Spezialwörterbüchern erfasst: So nennt der Slovar' paronimov russkogo jazyka von Višnjakova (1984) rund eintausend Paronym-Paare vom Typ ironičeskij 'ironisch (zur Ironie als stilistisches Mittel gehörig)' : ironičnyj 'ironisch, Ironie beinhaltend'.

Eigentlich keine 'falschen Freunde', aber auch eine Interferenz-Gefahr sind die von Svobodová-Chemlová (1982) genannten amis inattendus, also 'wahre Freunde' mit formaler und inhaltlicher Deckung, die man aber aus einer "Hypersensibilisierung" heraus (Haschka 1989: 151) für 'falsche Freunde' hält. So hat Kellerman (1978 und 1986, zit. nach Swan 1997: 166 f.) bei niederländischen Muttersprachlern, die Englisch lernen, experimentell eine Scheu nachgewiesen, englische Wörter in übertragenden Bedeutungen zu verwenden, die die entsprechenden Wörter auch im Niederländischen haben.17

Diese Vielzahl verschiedenster Probleme (semantische Interferenzen, formale Interferenzen, falsche Analogien, Barbarismen usw.) wäre besser unter dem Oberbegriff lexikalische Schwierigkeiten (so z. B. bei Storni 1975) oder lexikalische Interferenzen zusammengefasst. Unter 'falschen Freunden' im engeren Sinne sollen in dieser Arbeit dagegen ausschließlich semantische Schwierigkeiten verstanden werden.

Als vorläufige Arbeitshypothese lässt sich also folgende sehr allgemein gehaltene Definition gewinnen, der sich sicherlich die Mehrzahl der Autoren anschließen könnte:

 Def. 1: 'Falsche Freunde' sind in zwei Sprachen vorliegende Wörter, die bei formaler Ähnlichkeit verschiedene Bedeutungen haben.

Im Folgenden geht es um die theoretische Umsetzung dieser Definition bei Grenzfällen, um schließlich zu einer genaueren Bestimmung zu gelangen.

 

3.2. Das Problem der Terminologie

Mit dem Begriff 'falsche Freunde' sind sehr unterschiedliche Vorstellungen und Zielsetzungen verknüpft, darunter vor allem praktisch-didaktische. Šipka (1999: 12) zieht daher den der zwischensprachlichen Homonyme und Paronyme vor, den er von den 'falschen Freunden' abgrenzt:

1.  lažni prevodiočevi prijatelji – odnos dve lekseme iz dva različita jezika koje mogu izazvati uspostavljanje pogrešne ekvivalencije – psiholingvistička i primenjeno-lingvistička kategorija, 2.  međujezički homonimi i paronimi – odnos dve lekseme iz dva različita jezika ekvivalentne forme i neekvivalentnog sadržaja – poredbenojezička leksikološka kategorija.
Übers.: 1.  falsche Freunde des Übersetzers: Beziehung zweier Lexeme aus zwei unterschiedlichen Sprachen, die die Aufstellung fälschlicher Äquivalenz hervorrufen können – eine Kategorie der Psycholinguistik und der angewandten Sprachwissenschaft, 2.  zwischensprachliche Homonyme und Paronyme: Beziehung zweier Lexeme aus zwei verschiedenen Sprachen mit äquivalenter Form und nicht-äquivalentem Inhalt – eine Kategorie der vergleichenden Lexikologie.

In der Tat ist der Begriff falsche Freunde im Bewusstsein vieler Sprachwissenschaftler mit didaktisch ausgerichteten Anwendungen verknüpft.18 Jedoch ist auch der Begriff zwischensprachliche Homonyme irreführend, denn er würde die innersprachliche Definition der Homonymie nahe legen. Diese kann aber nicht zutreffen, da sie auf identischer Aussprache und Schreibweise beruht, die Karpaczewa (1985: 46) zwischen zwei Sprachen mit unterschiedlichen phonologischen Systemen als "sehr selten" ("bardzo rzadkie") bezeichnet. Tatsächlich ist eine Identität zweier Laute aus unterschiedlichen Sprachen wegen der Systemhaftigkeit der Phonologie sogar prinzipiell unmöglich. Zur Abgrenzung der (innersprachlichen) Homonymie von der Polysemie wird oft gefordert, dass Homonyme unterschiedlichen etymologischen Ursprungs sein müssen; die Definition der Homonyme (= etymologisch nicht verwandte Wörter mit identischer Form) hat also nicht viel mit den gängigen Vorstellungen von 'falschen Freunden' (= etymologisch meist verwandte Wörter mit mehr oder weniger ähnlicher Form) gemein.

Akulenko (1969: 372) stellt zudem fest, dass bei der Übertragung der lexikologischen Begriffe auf die kontrastive Linguistik den 'falschen Freunden' neben den Homonymen auch Quasi-Synonyme mit ähnlicher Form und Paronyme entsprechen, woraus er schließt:

Soveršenno netočnym predstavljaetsja naimenovanie dannoj kategorii slov tol'ko "mež"jazyčnymi omonimami", izredka vstrečajuščeesja v literature. (Akulenko 1969: 372)
Übers.: Völlig ungenau erscheint die bisweilen in der Literatur begegnende Benennung dieser Kategorie von Wörtern nur als "zwischensprachliche Homonyme".

Ein weiterer abweichender Gebrauch des Begriffs Homonymie in der kontrastiven Lexikologie findet sich bei Plotnikau (1979): Er zählt zehn Arten semantischer Beziehungen zwischen Wörtern in verschiedenen slavischen Sprachen auf, von denen nur eine den 'wahren Freunden' entspricht. Die verbleibenden neun Kategorien entsprechen alle den hier behandelten 'falschen Freunden'. Dazu gehört neben den Beziehungen der thematischen Gemeinsamkeit, der Abstufung und der Antonymie auch die der Homonymie, worunter Plotnikau (1979: 34) Wörter versteht, die "jegliche semantische Gemeinsamkeit verloren haben" ("sa zagubili kakvoto i da bilo semantično schodstvo"). Unter anderem nennt er folgendes Beispiel:

 (9) r. rodina = kr. domovina 'Heimat'
kr. rodina = r. urožaj 'Ernte'

Der Begriff der interlingualen Homonymie könnte zudem mit dem der Inter-Homonymie verwechselt werden, bei der es um die Homonymie ähnlicher Wörter innerhalb mehrerer Einzelsprachen geht. Braun (1990: 26 f.) führt einige Beispiele an, darunter d. Toast, e. toast und fr. toast, die alle sowohl 'Trinkspruch' als auch 'geröstetes Brot' bedeuten.19

Der zitierte Einwand von Akulenko (1969: 372), dass 'falsche Freunde' auch quasi-synonymische Beziehungen einschließen, gilt auch für den Begriff der zwischensprachlichen Paronymie. Auch der Terminus Polysemie wird manchmal zur Beschreibung 'falscher Freunde' benutzt, er legt aber nahe, es handele sich in zwei Sprachen um ein- und dasselbe Lexem. Dabei wird nicht beachtet, dass zwei Sprachen auch zwei verschiedene lexikalische Systeme haben, deren Elemente durch das System bestimmt sind.

Einen Ausweg aus dieser verfahrenen terminologischen Situation bietet offenbar nur eine Neuprägung. Versuche dazu wurden bereits mehrfach unternommen; so schlägt Svobodová-Chemlová (1982, zit. nach Haschka 1989: 150 f.) Interlingue als Oberbegriff über 'wahre Freunde' und 'falsche Freunde' jeglicher Art vor, für die Unterteilung benutzt sie aber wieder den Ausdruck faux amis. Auch Reiners (1983) Terminus Pänidentem (fr. pénidenteme, aus lat. paene 'fast', identisch sowie -em zu Phonem, Morphem usw.) schließt 'wahre Freunde' ein, die er mit "+P+" zu kennzeichnen vorschlägt. 'Falsche Freunde' selbst bezeichnet er je nach dem Grad der semantischen Äquivalenz mit "–P–", "–p–" und "+p+", was möglicherweise als graphisches Symbol, nicht aber als Terminus geeignet ist.20

Karpaczewa (1985: 46) schlägt aproksymat vor (was als Approximat eingedeutscht werden könnte), das sie von lat. approximatio 'Annäherung' ableitet. Diese Bezeichnung hat jedoch den gravierenden Nachteil, dass ihre Wortbildung lediglich durch den Aspekt der formalen Ähnlichkeit motiviert ist und den für die Praxis viel bedeutsameren Aspekt der semantischen Divergenz nicht berücksichtigt. Geht man also nach der Etymologie des Begriffs Approximat, so scheinen aproksymaty całkowite 'vollständige Approximate' sich näher zu sein als aproksymaty częściowe 'partielle Approximate'. Tatsächlich ist aber das Umgekehrte gemeint (vgl. Karpaczewa 1985: 48): aproksymaty całkowite sind nicht vollständige Annäherungen, sondern totale 'falsche Freunde' (vgl. Kap. 3.1.1).

Daher ist ein Terminus vorzuziehen, den Hengst im Rahmen der Internationalismus-Forschung bereits 1977 in diesem Sinne eingeführt hat, der jedoch bisher kaum zur Kenntnis genommen wurde: Hengst (1977: 252) prägt zunächst einen Oberbegriff Analogonym für alle Wörter, deren Ausdrucksseite sich in mindestens zwei Sprachen entspricht, unabhängig von der Inhaltsseite. Anschließend schlägt er vor, Analogonyme mit unterschiedlichen Bedeutungen als Pseudo-Analogonyme zu bezeichnen,21 womit er sowohl die formale Entsprechung (gr. análogos 'entsprechend; ähnlich') als auch die semantische Verschiedenheit (gr. pseúdos 'Lüge, Unwahrheit') sowie den Bezug zur Lexikologie (gr. ónyma 'Name; Wort') zum Ausdruck bringt. Šablij (2000) wendet dagegen ein:

Ponjattja analohija tradycijno vžyvajetsja u zahal'nonaukovij leksyci u značenni skoriše smyslovoji (substancijnoji), aniž formal'noji schožosti.
Übers.: Der Begriff Analogie wird in der allgemein-wissenschaftlichen Lexik traditionell eher im Sinne bedeutungsmäßiger (substantieller) als formaler Ähnlichkeit verwendet.

In der Sprachwissenschaft bezieht sich dieser Begriff jedoch durchaus auch auf die formale Seite des Zeichens (vgl. z. B. Lewandowski 21976: s. v. Analogie). Daher wird die vorliegende Arbeit Hengsts Vorschlag folgen,22 so dass Def. 1 folgendermaßen abzuwandeln ist:

 Def. 2: Pseudo-Analogonyme sind in zwei Sprachen vorliegende Wörter, die bei formaler Ähnlichkeit verschiedene Bedeutungen haben.

 

3.3. Eingrenzung des Begriffs Sprache

In der Alltagssprache wird das Wort Sprache in vielen verschiedenen Bedeutungen gebraucht; zum einen im weiten Sinne eines Verständigungsmittels, eines Kommunikationscodes (so z. B. in Körpersprache, Programmiersprache), zum anderen steht es in einem engeren Sinne dem Wort Dialekt gegenüber. Da es in der Definition der Pseudo-Analogonymie um Wörter geht, bleiben Körpersprache und Programmiersprache ausgeklammert.23 Die Abgrenzung von Dialekt und Sprache ist hingegen nach 'objektiven' Kriterien unmöglich, da sie das Selbstverständnis der Sprecher einbeziehen muss:

If [the speakers] wish to regard widely divergent speech forms as varieties of one language (as in China), or minimally different ones as distinct languages (as recently in the case of Serbian and Croatian), the linguist cannot tell them they are wrong (Görlach 1998: 2).

Pseudo-Analogonymie kann aber durchaus zwischen verschiedenen Varianten ein- und derselben Sprache auftreten, vgl. die folgenden Beispiele der Dialekte von Novgorod und Kaliningrad (aus dem SRNG) und der Umgangssprache der Emigranten in Deutschland (Bsp. 13 aus Maßing 2000: 81):

 (10) r. voschod = r.-dial. voschod 'Aufgang (der Sonne, des Mondes)'
r.-dial. voschod = r. svet, mir 'Welt'
 (11) r. prošlyj = r.-dial. prošlyj 'vergangener, letzter'
r.-dial. prošlyj = r. mnogo znajuščij, umelyj, byvalyj 'bewandert, erfahren'
 (12) r. šparit' = r. in Dtld. šparit' 'brühen, mit kochendem Wasser übergießen'
r. in Dtld. šparit' = r. ékonomit' 'sparen'
 (13) r. punkt = r. in Dtld. punkt 'Stützpunkt, Stelle; Unterpunkt, Paragraph'
r. in Dtld. punkt = štrafnoe očko 'Strafpunkt in der Flensburger Verkehrskartei'

In jedem Fall handelt es sich dabei um einen diatopischen Bezug. Ebenso treten 'falsche Freunde' diastratisch zwischen verschiedenen Soziolekten einer Sprache und zwischen verschiedenen Fachwortschätzen einer Sprache auf. Diachronische Pseudo-Analogonyme, also 'falsche Freunde' zwischen verschiedenen Sprachstufen einer Sprache, sind z. B. für Griechen wichtig, die Altgriechisch lernen, aber auch für Slavisten oder Russen beim Lesen eines altrussischen Textes.

Alle diese Unterschiede sind untersuchenswert, und die Definition der Pseudo-Analogonymie sollte sich nicht auf die Diatopie beschränken. Daher soll im Folgenden das Wort Idiom benutzt werden, um eine beliebige Sprachform zu bezeichnen, sei es eine Sprache im engeren Sinne oder eine Varietät einer Sprache.24 "Synchronische, intralinguale faux amis", wie Milan (1989: 390) Paronyme innerhalb ein- und desselben Sprachsystems bezeichnet (z. B. d. vierteljährig : vierteljährlich, r. doždevoj 'Regen-' : doždlivyj 'regnerisch, verregnet'), sind dagegen ein Problem völlig anderer Art, das von der einzelsprachlichen Lexikologie behandelt wird (vgl. Kapitel 3.1.3). Die Definition ist also folgendermaßen zu ändern:

 Def. 3: Pseudo-Analogonyme sind in zwei Idiomen vorliegende Wörter, die bei formaler Ähnlichkeit verschiedene Bedeutungen haben.

 

3.4. Eingrenzung des Begriffs Wort

Das Wort Wort bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch einen sehr weiten Begriff, der zunächst einmal nur irgendein Element der menschlichen Sprache meint. Wenn ein Textverarbeitungsprogramm auf dem Computer 'Wörter' zählt, zählt es die Zwischenräume zwischen Leerzeichen. In der Phonetik spricht man von einem phonetischen Wort, das mehrere 'Einzelwörter' umfassen kann. In der Lexikologie, um die es hier geht, ist mit 'Wort' hingegen ein Lexem gemeint.25 Damit stellt sich aber die Frage, ob jede beliebige Wortform oder nur die 'Grundform' eines Lexems als Pseudo-Analogonym auftreten kann. Die Frage ist dabei, inwiefern grammatikalische Unterschiede, die z. T. dazu führen, dass zwei formal ähnliche Wörter an völlig unterschiedlicher Position im Satz auftreten, die Gefahr einer Verwechslung mindern. Karpov (1998: 61 f.) hat insgesamt acht Typen zwischensprachlicher Homonymie herausgearbeitet, die sich durch drei binäre Kriterien unterscheiden:

  1. Zugehörigkeit zu derselben Wortart oder zu verschiedenen,
  2. gleiche oder ungleiche grammatische Eigenschaften und
  3. gemeinsame oder unterschiedliche (etymologische) Wurzel.

Zu jedem der sich daraus ergebenden acht Typen führt Karpov russisch-bulgarische Beispiele an. In folgender Tabelle wurde versucht, Karpovs recht unübersichtliche Darstellung26 zu verbessern; die übernommenen Beispiele wurden mit Rückübersetzungen versehen.

Tab. 2: Gliederung der Homonymie nach Karpov

etym. Wurzel
= <>
Wort-
art
= gramm.
Eigensch.
= r. razboj = bg. obir 'Raub'
bg. razboj = r. tkackij stan 'Webstuhl'
r. krik = bg. vik 'Schrei'
bg. krik = r. domkrat 'Wagenheber'
<> r. greška = bg. malăk grjach, slabost 'Schwäche (G. Sg.)'
bg. greška = r. ošibka 'Fehler'
r. tel = bg. tela 'Körper (G. Pl.)'
bg. tel = r. provoloka 'Draht'
<> = r. lepilo = bg. e modeliralo '(es) hat geformt'
bg. lepilo = r. klej 'Klebstoff'
r. chotel = bg. e iskal '(er) wollte'
bg. chotel = r. gostinica 'Hotel'
<> r. sled = bg. sleda 'Spur'
bg. sled = r. posle; za 'hinter, nach; hinterher'
r. kara = bg. nakazanie, văzmezdie 'Strafe, Vergeltung'
bg. kara = r. vozit '(er) fährt'

Obwohl alle diese Beispiele unter "Mež"jazykovaja omonimija kak sistema" ("Zwischensprachliche Homonymie als System") aufgeführt sind, können nur die beiden in der obersten Zeile, die sich durch etymologische Verwandtschaft bzw. Nicht-Verwandtschaft unterscheiden (vgl. dazu Kap. 3.5), als 'falsche Freunde' bezeichnet werden. Dies soll im Folgenden detailliert begründet werden.

 (14) r. idu = sb. idem 'ich gehe'
sb. idu = r. idut 'sie gehen'

In diesem Beispiel sind die 'falschen Freunde' eindeutig nicht die Wörter, sondern die Formen: Während die Stämme id- in beiden Sprachen die gleiche Bedeutung 'gehen' haben, bedeutet die Endung -u im Russischen '1. Person Singular', im Serbischen dagegen '3. Person Plural'. Damit bewegen wir uns nicht mehr auf der lexikalischen Ebene, sondern auf der Ebene der Morphologie. In Bsp. 15 liegt der Unterschied hingegen durchaus auch in der lexikalischen Bedeutung:

 (15) p. kina = sb. bioskopa 'des Kinos'
sb. Kina = p. Chiny 'China'

Bei der Dekodierung eines gehörten (oder gelesenen) Satzes wird jedoch der Ko-Text herangezogen, um für jedes Wort Voraussagen über seine syntaktische Funktion zu machen. Ein polnischer Satz Idę do kina 'Ich gehe ins Kino' wird von einem Serben nicht als 'Ich gehe nach China' verstanden werden, da die Präposition do den Genitiv verlangt, ein polnisches Wort +Kina 'China' also den Satz +Idę do Kiny erzeugen würde.27 Als Analogonyme sollen also nur Wörter bezeichnet werden, deren Grundformen sich ähnlich sind.

Auf die gleiche Art und Weise sind beispielsweise folgende gleich klingenden Wörter nicht als 'falsche Freunde' zu werten:

 (16) r. pod = kr. pod 'unter'
kr. pod = r. pol 'Fußboden'

Zwar werden hier zwei 'Grundformen' miteinander verglichen. Da sie aber unterschiedlichen Wortarten angehören, sind sie ebenfalls im Satzzusammenhang kaum zu verwechseln.28

Die Definition, dass Analogonyme anhand ihrer Grundformen bestimmt werden, birgt jedoch ein Problem: Im Russischen und den meisten anderen slavischen Sprachen gilt als Grundform eines Verbs (unter der dieses dann auch im alphabetischen Wörterbuch zu finden ist) der Infinitiv. Das Bulgarische und Makedonische kennen aber keinen Infinitiv, so dass Verben hier unter der 1. Person Singular Präsens im Wörterbuch stehen. In solchen Fällen sollte man die Forderung nach gleicher Grundform sinngemäß auf eine für das Paradigma der Lexeme charakteristische Form anwenden. So könnten russische Verben mit makedonischen und bulgarischen etwa anhand der Präteritum- bzw. Perfektformen oder der zweiten Person Singular Präsens verglichen werden. Auch die Verbstämme an sich oder sogar die Wurzeln könnten herangezogen werden. Für die Verben r. igrat' und mk. igra ergäbe sich also in beiden Fällen der Stamm igra-.

 (17) r. igrat' = mk. igra '(Musik) spielen, machen; (ein Spiel) spielen'
r. igrat' = mk. sviri '(Theater) spielen'
mk. igra = r. tancevat' 'tanzen'

Ein häufiger Fehler im Polnischen, der nicht nur von Russen, sondern auch von Deutschen mit Russischkenntnissen gemacht wird, ist die Verwendung von w mit Akkusativ für die Angabe einer Richtung mit Gebäuden, z. B. +Idę w szkołę statt Idę do szkoły für 'Ich gehe in die Schule' (vgl. r. Idu v školu). Die polnische Präposition w und die russische Präposition v (und ebenso do und do) sind also nur scheinbar äquivalent. Jedoch lässt sich dieser Unterschied nicht an einer lexikalischen Bedeutung festmachen. Vielmehr geht es um die unterschiedliche Kombinierbarkeit der Präpositionen mit Substantiven. Dabei erfüllen die Präpositionen in erster Linie Funktionen, indem sie die Beziehung zwischen den anderen Wörtern im Satz ausdrücken, sind also nicht selbst Träger einer lexikalischen Bedeutung. Dieser Unterschied ließe sich folgendermaßen deutlich machen:

 (18) r. do = p. do: Translativ29 (Bewegung zu einem Ziel, bis zu einer Grenze)
p. do = r. v: Illativ29 (Bewegung in ein Gebäude hinein)

Jedoch ist diese Darstellung noch äußerst unvollständig: Der Podręczny słownik (1996) gibt für die polnische Präposition do 5 Bedeutungen an und für w 15. Bei Ožegov/Švedova (21995) finden sich für die russischen Entsprechungen 6 bzw. 12 Bedeutungen. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Funktionswörtern, die ebenfalls keine lexikalische Bedeutung, sondern nur eine grammatische Funktion haben: Pronomina, Modal- und Hilfsverben, Konjunktionen und Partikeln. Diese Komplexität bewirkt auch, dass es kaum äquivalente Analogonyme unter den Funktionswörtern gibt. Daher sollen die Unterschiede in der grammatischen Bedeutung dieser Wortarten, die sich auf die Syntax und die Morphologie beziehen, aus Def. 3 ausgeklammert werden.30 Von Analogonymie ist demnach nur bei Vollwörtern mit lexikalischer Bedeutung zu sprechen.

Ebenso gehört die Kombinierbarkeit von Wörtern in festen Wendungen ins Gebiet der Idiomatik, nicht der Lexik. An folgendem Beispiel sieht man deutlich, dass eine Behandlung von Lexemen in idiomatischen Wendungen den Sinn der Pseudo-Analogonyme verfehlt:

 (19) r. dožd' = p. deszcz 'Regen'
p. deszcz = r. ogon' in spadać z deszczu pod rynnę 'vom Regen in die Traufe kommen' (r. popast' iz ognja da v polymja wörtlich 'vom Feuer in die Flamme kommen')

R. ogon' bedeutet niemals 'Regen', ebenso wenig heißt p. deszcz in irgendeinem Zusammenhang 'Feuer'. Die Entsprechung der Wörter in den verglichenen Sätzen ist ausschließlich durch die Bedeutung des idiomatischen Ausdrucks in seiner Gesamtheit zu erklären.

Die in diesem Kapitel beschriebenen Erwägungen führen also zu folgender Präzisierung von Def. 3:

 Def. 4: Pseudo-Analogonyme sind in zwei Idiomen vorliegende Lexeme derselben Wortart, die bei formaler Ähnlichkeit ihrer charakteristischen Formen verschiedene lexikalische Bedeutungen haben.

 

  3.5. Probleme der formalen Kongruenz

Koessler und Derocquigny, die den Begriff faux amis geprägt haben, verstanden darunter:

des mots [...] qui, loin d'évoluer parallelement dans l'une et l'autre langue, se sont orientés dans des directions divergentes et qui, tout en gardant la meme forme, ont pris des sens plus ou moins différents. (Koessler 1975: 11)

Damit etablierten sie die Grundidee gleiche Form – unterschiedliche Bedeutung, jedoch fällt der diachronische Ansatz auf, der etymologische Verwandtschaft zur Bedingung macht. Einige Autoren sind bis heute dieser Definition verpflichtet:

Abbiamo dato particolare importanza all'etimologia delle parole, considerando "veri" solo quei "falsi amici" che hanno origine comune, forma simile e significato diverso. (Milan/Sünkel 1990: vii)
Übers.: Besonderes Gewicht haben wir auf die Etymologie der Wörter gelegt, indem wir nur solche 'falschen Freunde' als 'richtig' erachten, die gemeinsamen Ursprung, ähnliche Form und unterschiedliche Bedeutung haben.

Auffällig ist, dass als Grundbedingung immer gemeinsamer Ursprung und ähnliche Form genannt werden; gleiche Etymologie zweier Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung allein reicht offenbar für einen 'falschen Freund' nicht aus. Dies träfe auf Wörter zu wie r. pnut' 'einen Fußtritt geben' : d. spinnen. Diese führen aber nicht zu Schwierigkeiten, da den wenigsten Lernenden die etymologische Verwandtschaft dieser Wörter bewusst ist.31 Daher stellt sich die Frage, ob die Verwandtschaft dann überhaupt ein notwendiges Kriterium ist. Milan und Sünkel (1990: vii) schließen unter Hinweis auf den fehlenden gemeinsamen Ursprung ausdrücklich klassische Fälle wie d. kalt : it. caldo 'warm' oder d. Woge : it. voga 'Ruder' aus, obwohl gerade diese Beispiele verdeutlichen, welche Missverständnisse hier denkbar sind. In einem Aufsatz zu seinem Wörterbuch-Projekt tut Milan (1989: 396) eine Beschäftigung mit solchen 'falschen Freunden' als "eine bloße formale Spielerei" ab. Dabei räumt er zwar ein, dass "hier auch Interferenz-Probleme gegeben sind" (1989: 395), setzt aber beim Lernenden "ein gewisses Vorwissen über die Herkunft der betreffenden Wörter" voraus (1989: 396). Dies mag für einen Altsprachler angehen, der sich erst nach jahrelangem Lateinstudium mit dem Italienischen auseinander setzt. Der durchschnittliche Fremdsprachenbenutzer wird sich jedoch nicht mit der Etymologie eines Wortes beschäftigen, bevor er dessen Bedeutung kennt. Ein zusätzliches Problem ist, dass sich bei der Herleitung vieler Wörter die Etymologen selbst nicht einig sind, – und selbst allgemein akzeptierte Theorien werden nicht selten durch neue Erkenntnisse widerlegt.

Folgerichtig lassen viele Autoren die Herkunft der Wörter außer Acht und definieren 'falsche Freunde' als "formal übereinstimmende oder ähnliche, aber in der Bedeutung unterschiedliche lexikalische Einheiten" ("lexikální jednotky formálně shodné nebo podobné, ale významově odlišné", Lotko 1986: 82). In der Tat braucht ein synchrones Problem wie das der Pseudo-Analogonymie eine synchrone Definition. Daher wird auch r. post als Pseudo-Analogonym zu d. Post eingestuft und nicht etwa als 'wahrer Freund' zu d. Fasten (vgl. Vasmer 31996: s. v. post I):

 (20) r. post = d. Fasten
d. Post = r. počta

Zudem hätte eine diachronische Herangehensweise Definitionsprobleme bei Homonymen innerhalb einer Sprache:

 (21) r. massa = bg. masa 'Masse'
bg. masa = r. stol 'Tisch'
 (22) r. para = p. para 'Paar; ein paar'
p. para = r. par 'Dampf'
 (23) a. r. brak = p. brak 'Fehler, Schaden; Ausschussware'
r. brak = p. małżeństwo 'Ehe'
p. brak = r. nedostatok 'Mangel, Fehlen, Knappheit'
b. r. brak = kr. brak 'Ehe'
r. brak = kr. mana 'Fehler, Schaden'; ološ, deficitna roba 'Ausschussware'
 (24) kr. kor = sb. kor 'Korps'
kr. kor = sb. chor 'Chor'

In diesen Fällen sind die Homonyme jeweils in einer Bedeutung mit dem Analogonym verwandt, in einer anderen Bedeutung aber nicht.32

Die Definition der Analogonymie sollte also rein synchron von der formalen Übereinstimmung ausgehen. Daraus ergibt sich das Problem, 'formale Übereinstimmung' zu definieren, da Wörter sowohl in geschriebener als auch in gesprochener Form vorkommen. Einige Autoren versuchen, jede Entsprechung, die Fehler verursachen kann, zu erfassen:

Međujezički homonimi su reči dvaju jezika koje se na isti način ili vrlo slično pišu (homografi) i/ili izgovaraju (homofoni), a semantički se ne podudaraju. (Marojević 1989: 22)
Übers.: Zwischensprachliche Homonyme sind Wörter zweier Sprachen, die gleich oder sehr ähnlich geschrieben (Homographe) und/oder ausgesprochen werden (Homophone), sich aber semantisch nicht decken.

In der Tat sollten Schrift und Lautung gleichermaßen herangezogen werden, da Pseudo-Analogonyme ja sowohl beim Lesen als auch beim Hören verwirren können.33 Manche Autoren berufen sich aber darauf, dass die gesprochene Form die ursprünglichere sowie die universellere ist, da verschiedene Sprachen ja mitunter auch verschiedene Schriftsysteme verwenden. Sie bestimmen 'falsche Freunde' als "Wörter mit gleicher oder ähnlicher Lautstruktur, aber unterschiedlicher Bedeutung" ("slova stejná nebo podobná hláskovou strukturou, ale rozdílná významem", Vlček 1966: 5). Was aber versteht man unter "gleicher oder ähnlicher Lautstruktur"? Auf phonetischer Ebene sind zwei beliebige Realisationen eines Phonems (Phone) niemals identisch, schon gar nicht bei Sprechern verschiedener Sprachen (vgl. Kapitel 3.2). Die phonologische Ebene aber existiert nur im Rahmen eines Sprachsystems; es gibt keine Inter-Phonologie. Damit rückt die Wahrnehmung der in einer Fremdsprache erzeugten Phone im Rahmen des eigenen phonologischen Systems in den Blick:

Mižmovni omonimy — semantyčno neekvivalentni slova dvoch abo bil'še kontaktujučych mov, ščo majut' schože fonetyčne oformlennja (zvukova riznycja — u mežach analohičnych fonem), iz možlyvym faktom sporidnenosti. (Šablij 1998: 22)
Übers.: Zwischensprachliche Homonyme sind semantisch nicht äquivalente Wörter zweier oder mehrerer Sprachen in Kontakt, die ähnliche phonetische Formen haben (der lautliche Unterschied liegt im Rahmen der analogen Phoneme), wobei Verwandtschaft möglich ist.

Noch weiter gehen Čemerikić u. a. (1988: VI), indem sie 'falsche Freunde' als " unités homophones (ou quasi-homophones, compte tenu des équations plus ou moins consciemment établies par le bilingue entre deux systemes) mais non synonymes " definieren. Mit diesen "Gleichungen" sind häufig auftretende lautliche Entsprechungen in verwandten Sprachen gemeint, die es ermöglichen, z. B. sb. hlad ["xlad] 'Frische, Schatten' und r. cholod ["xOl_G@t] 'Kälte' miteinander zu vergleichen bzw. zu assoziieren, also [la] ~ [Ol_G@], [d] ~ [t] usw. Bei der Feststellung der formalen Kongruenz zweier Lexeme in verschiedenen Sprachen ist also von den kleineren Einheiten auszugehen, aus denen die Lexeme bestehen: den Morphemen und Allomorphen sowie Phonemen und Allophonen (sowie in der geschriebenen Variante den Graphemen und Allographen). Diese können ihr Analogon in der anderen Sprache entweder durch Ähnlichkeit oder durch regelmäßige Entsprechung finden: Dem russischen Phonem /t'S'/ (geschrieben <č>) ähnelt aufgrund der Palatalität am ehesten das polnische Phonem /t's\/ (geschrieben <ci> oder <ć>), und seine regelmäßige Entsprechung ist /tS/ (geschrieben <cz>). Ebenso 'ähnelt' dem russischen Graphem <i> (gesprochen [i]) das ukrainische Graphem <y> (gesprochen [1]), während seine regelmäßige Entsprechung in vielen Fällen <i> ist (gesprochen [i]).

Nicht nur durch die Entsprechungen, sondern auch durch die zufälligen Ähnlichkeiten besteht in der Praxis eine hohe Verwechslungsgefahr:

 (25) r. častnyj ["t'S'asn1j] = p. prywatny, osobisty 'privat'
p. ciasny ["t's\asn1] = r. tesnyj 'eng'

Dass solche 'falschen Entsprechungen' daher durchaus als Pseudo-Analogonymie zu werten sind, formulieren Čemerikić u. a. (1988: XII) drastisch, aber folgerichtig: " Peut importe ici que la correspondance soit ou non scientifiquement fondée. "

An dieser Stelle ist anzumerken, dass die Entsprechung der Phoneme auf der historischen Lautlehre beruht, die zuvor als Kriterium ausgeschlossen wurde. Sie wird hier nur in den Fällen als Instrument herangezogen, in denen eine synchronische Beziehung für jeden feststellbar ist, der sich mit Russisch und einer anderen slavischen Sprache beschäftigt. So bemerkt Suprun (1980: 5) zu einer Liste bulgarisch-weißrussischer formaler Entsprechungen:

Po sporazumenie [spisăkăt] ne trjabva da izpada ot intuitivnite predstavi za săotvetstvijata, koito imat belorusko-bălgarskite bilingvi, imenno zatova lesno može da băde văzstanoven ot vseki, kojto znae glavnite osobenosti na gramatičnata i grafiko-pravopisnata sistema na vseki edin ot posočenite ezici.
Übers.: Per definitionem muss [die Liste] nicht über die intuitiven Vorstellungen hinausgehen, die ein Sprecher des Weißrussischen und des Bulgarischen von den Entsprechungen hat; gerade deshalb kann sie von jedem aufgestellt werden, der die wichtigsten Besonderheiten des grammatischen und graphisch-orthographischen Systems beider genannten Sprachen kennt.

Man braucht nur ein Wörterbuch aufzuschlagen, um z. B. die oben angeführte polnisch-russische Entsprechung <cz> ~ <č> zu erkennen:

 (26) a. p. czajnik = r. čajnik 'Wasser-, Teekessel'
b. p. czara = r. čara 'Becher, Kelch, Schale (poet.)'
c. p. czary = r. čary 'Zauber; Hexerei'
d. p. czarny = r. čërnyj 'schwarz'
e. p. cztery = r. četyre 'vier'
f. p. czek = r. ček 'Scheck'
r. ček = p. bon, talon 'Bon, Kassenzettel'
g. p. czas = r. vremja 'Zeit'
r. čas = p. godzina 'Stunde'
h. p. czajka = r. čibis 'Kiebitz'
r. čajka = p. mewa 'Möwe'

Wichtig bei der Aufstellung solcher Entsprechungen ist es, nicht nur den gemeinsamen Erbwortschatz zu berücksichtigen (der ohnehin ausschließlich bei nah verwandten Sprachen in Frage kommt), sondern auch Regelmäßigkeiten bei Fremdwörtern, wodurch z. B. dem russischen /f/ in Wörtern griechischen Ursprungs polnisch /t/ entspricht (da beide auf gr. th zurückgehen):

 (27) a. r. kafedra = p. katedra 'Lehrstuhl, Katheder'
b. r. mif = p. mit 'Mythos'
c. r. pafos = p. patos 'Pathos'
d. r. Fëdor = p. Teodor 'Theodor (männlicher Vorname)'

In diesem Fall spielt jedoch die Vermittlung eine Rolle: Bei (neueren) griechischen Lehnwörtern, die (meist über das Französische, Deutsche oder Polnische) aus dem Latein ins Russische kamen, findet sich dort ebenfalls /t/:

 (28) a. r. tema = p. tema 'Thema' (< gr. théma)
b. r. teologija = p. teologia 'Theologie' (< gr. theología)
c. r. termometr = p. termometr 'Thermometer'
(< gr. thérme 'Wärme' + métron 'Maß')

Dadurch wird die Feststellung der phonologischen Entsprechung recht kompliziert, aber mithilfe der historischen Sprachwissenschaft ließe sich eine Liste von Entsprechungen aufstellen. (Ansatzweise findet sich eine solche Liste für Serbisch und Polnisch bei Šipka 1999: 13 f.; eine ausführliche Erörterung der orthographischen Entsprechungen zwischen Französisch und Deutsch präsentiert Reiner 1989.) Dasselbe wäre für die Morphologie zu leisten, die in den slavischen Sprachen jedoch relativ einheitlich ist. Schwierigkeiten bereitet neben einigen phonologischen Zusammenfällen (z. B. p. z- = r. s- 'mit-, zusammen-; herunter-' und iz- 'heraus-'; kr. u- = r. u- 'weg-' und v- 'hinein-') die große Zahl von Synonymien vor allem bei den Suffixen. So können Nomina agentis zu einheimischen Verbalstämmen u. a. mit den Suffixen *-iku, *-ici, *-ari, *-ači, *-teli gebildet werden, und die verschiedenen Sprachen nutzen diese Möglichkeiten von Fall zu Fall auf unterschiedliche Weise, wobei sie mitunter gleiche Suffixe für unterschiedliche Bedeutungen benutzen (und umgekehrt).

 (29) r. pisar' = p. pisarz 'Schreiber'
p. pisarz = r. pisatel' 'Schriftsteller'
 (30) r. pisec = kr. pisar 'Schreiber'
kr. pisac = r. pisatel' 'Schriftsteller'

Bei der Feststellung von Ähnlichkeiten zwischen Lauten zweier Idiome muss man sich an den phonematischen Oppositionen der Zielsprache orientieren:34 Da es im Russischen die Oppositionen zwischen langen und kurzen Vokalen, zwischen steigender und fallender Intonation und zwischen stimmhaften und stimmlosen Konsonanten am Wortende nicht gibt, werden für Russen folgende Wörter (in ihrer Grundform) identisch klingen:

 (31) kr. lug [lu_F:g] 'Lauge'
kr. luk [lu_Fk] 'Zwiebel'
kr. luk [lu_F:k] 'Bogen (Waffe)'
r. lug [l_Gu:\k] 'Wiese'
r. luk [l_Gu:\k] 'Zwiebel; Bogen (Waffe)'

Auf der Grundlage dieser Überlegungen lassen sich für jedes Sprachpaar und für jede Richtung jeweils eine graphische und eine phonetische Entsprechungs- und Ähnlichkeitsliste erstellen. Mit ihrer Hilfe können formale Kongruenzen systematisch festgestellt und theoretisch Analogonyme auch vom Computer gesucht werden. All diese Überlegungen verkomplizieren die Definition der Pseudo-Analogonymie erheblich:

 Def. 5: Pseudo-Analogonyme sind in zwei Idiomen vorliegende Lexeme derselben Wortart, deren charakteristische Formen auf phonetischer, graphischer oder morphologischer Ähnlichkeit oder Entsprechung basierende Kongruenz aufweisen, die aber verschiedene lexikalische Bedeutungen haben.

 

3.6. Probleme der semantischen Nicht-Äquivalenz

Auf den ersten Blick scheint – im Gegensatz zur formalen Kongruenz – die Feststellung, dass zwei Wörter nicht dasselbe bedeuten, keine Schwierigkeiten zu bereiten. Šipka (1999: 12), der sich mit der Kongruenz eingehend beschäftigt, tut dieses Problem explizit ab:

Neekvivalentnost sadržaja ne javlja se kao problem, jer je tu jednostavno potrebno da postoji neka, bilo kakva razlika.
Übers.: Die Nicht-Äquivalenz des Inhalts stellt kein Problem dar, denn hier muss schlicht irgendein beliebiger Unterschied bestehen.

Demgegenüber sieht Schaeder (1990: 64) die Schwierigkeit gerade in der Äquivalenz:

Während (formale) Kongruenz als ausdrucksseitiges Phänomen der Beobachtung unmittelbar zugänglich (und damit auch quantifizierbar und meßbar) ist, entzieht sich (inhaltliche) Äquivalenz solcher unmittelbaren Beobachtung.

Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer: Lässt man "irgendeinen beliebigen Unterschied" als hinreichende Bedingung für einen 'falschen Freund' gelten, so gibt es keine 'wahren Freunde'. Dies ergibt sich einerseits aus der Eingebundenheit jedes Lexems in das lexikalische und semantische Gesamtsystem seiner Sprache, andererseits aus dem Postulat eines sprachspezifischen Weltbildes (so genannte Sapir/Whorf-Hypothese, vgl. Whorf 1956: 234–159, 246–270 sowie Stolze 1994: 26–28). Die Auffassung von der Unübersetzbarkeit der Sprachen wird weiter durch Erkenntnisse der Prototypensemantik genährt: Demnach werden die verschiedenen Objekte, auf die sich ein Wort beziehen kann, nicht durch notwendige und hinreichende Bedingungen geeint (die einer hierarchisch geordneten Logik gehorchen), sondern durch unterschiedliche Grade der Ähnlichkeit zu einem gemeinsamen Prototypen. Befragungen zeigen, dass selbst Wörter in verschiedenen Sprachen, die nach der traditionellen Semantik dieselben Kriterien zu haben scheinen, verschiedene Prototypen haben, wodurch sich ihre Bedeutungen unterscheiden. So ist der Prototyp für den Begriff Vogel in Deutschland und Frankreich der Sperling (fr. moineau, vgl. Kleiber 1990: 56), in Nordamerika hingegen das Rotkehlchen (e. robin, vgl. Rosch 1975: 198, zit. nach Aitchison 1987: 53 f.). Das russische Wort ščipnut' 'kneifen' wird (ebenso wie d. kneifen) in erster Linie als schmerzhaft und bösartig verstanden, während mit der vermeintlichen kroatischen Entsprechung štipnuti viel eher eine wohlwollende Geste assoziiert wird.35

Da es solche Unterschiede zwischen zwei Sprachen bei fast jedem Wort gibt, sind viele Übersetzungswissenschaftler zu dem Schluss gekommen, dass einzelne Wörter prinzipiell nicht übersetzbar sind. Übersetzbar ist demnach nur der Sinn eines kompletten Textes.36 Auf alle diese Nuancen kann die Definition der Pseudo-Analogonymie jedoch nicht eingehen, denn eine "totale Äquivalenz" gibt es zwischen zwei Idiomen lediglich bei einigen international definierten Termini technici wie Diskontsatz, Radius, Phonem37 oder Natriumchlorid sowie bei Eigennamen und Zahlwörtern (Gladrow 1977: 14). Aus diesem Grund müssen Kriterien gefunden werden, anhand derer die zu vernachlässigenden Bedeutungsnuancen von den signifikanten Unterschieden getrennt werden können.

Die zunächst nahe liegende Idee, zwischen der eigentlichen Denotation eines Wortes und anderen Aspekten der Bedeutung wie Konnotation, Assoziationen und Pragmatik zu unterscheiden, schlug fehl, da all diese Aspekte in realen Situationen von großer Wichtigkeit sein können. Westheide (1997: 88–103) befasst sich ausführlich mit genau diesem "viel subtileren Prozess, der mit allen Aspekten der Bedeutung zu tun hat, vor allem auch mit affektiven und sozialen Inhalten" (Westheide 1997: 89).

Die einzige Instanz, die befugt ist, die Entscheidung zwischen relevanten und irrelevanten Bedeutungsunterschieden zu fällen, ist aber die Zielsprache selbst: Jede Sprache kategorisiert die Welt auf ihre eigene Weise, und dabei hat jede Sprache eigene Präferenzen, welche Unterscheidungen für sie wichtig sind und welche nicht. Während z. B. die australische Sprache Kunwinjku verschiedene Wörter für junge und ausgewachsene, männliche und weibliche Vertreter der verschiedenen Macropodidae-Arten besitzt, hat das Deutsche lediglich das Lehnwort Känguru (vgl. Evans 1998: 63 f.).38 Folglich soll sich die Definition der Pseudo-Analogonymie nur auf solche Unterschiede in der Bedeutung beschränken, die der Zielsprache ein Lexem 'wert' sind, das näher an der Bedeutung des Wortes in der Ausgangssprache liegt. Die Definition ist also so umzuformulieren, dass sie nur diejenigen Analogonyme umfasst, für deren lexikalische Bedeutung in der jeweils anderen Sprache ein besseres Äquivalent existiert. Damit sollen unwesentliche Nuancen von der Behandlung im Rahmen der Pseudo-Analogonymie ausgeschlossen werden. Leider schließt diese Bedingung aber auch lexikalische Lücken aus wie die folgende:

 (32) r. jagoda = bg. sočen zărnest plod ot chrastovi rastenija 'Beere'
bg. jagoda = r. klubnika 'Erdbeere'

Das Bulgarische besitzt kein eigenes Wort für den Oberbegriff 'Beere', und damit gibt es für r. jagoda auch kein bulgarisches Lexem, das ein besseres Äquivalent darstellen würde. Dennoch handelt es sich bei r. jagoda und bg. jagoda zweifellos um 'falsche Freunde'. Daher ist die oben genannte Bedingung so umzuformulieren, dass sie nicht auf die Existenz eines besseren Äquivalentes abhebt, sondern verlangt, dass die Pseudo-Analogonyme füreinander nicht das beste Äquivalent sind.

Somit ist die einfache, aber sehr ungenaue Definition 1 zu folgender komplizierter, aber in hohem Maße eindeutiger Formulierung angewachsen, mit der in den folgenden Kapiteln gearbeitet werden soll:

 Def. 6: Pseudo-Analogonyme sind Lexeme derselben Wortart in zwei Idiomen, deren charakteristische Formen auf phonetischer, graphischer oder morphologischer Ähnlichkeit oder Entsprechung basierende Kongruenz aufweisen, für deren lexikalische Bedeutung sie aber gegenseitig nicht das beste Äquivalent darstellen.39

 

4. DIACHRONISCHE BETRACHTUNG

Abb. 1: Grundmodelle der Entstehung von Pseudo-Analogonymie

a) gemeinsame Ererbung
Abbildung 1a

b) Entlehnung
Abbildung 1b

c) parallele Entlehnung
Abbildung 1c

Unter historischem Aspekt sind die Entstehungsbedingungen für Pseudo-Analogonymie mit denen für Homonymie zu vergleichen, obgleich die Situation komplexer ist, da es um (mindestens) zwei voneinander unabhängige Sprachsysteme geht. Für Homonymie nennt Malachovskij (1990: 10) drei Hauptursachen: phonetische Konvergenz, semantische Divergenz und Entlehnung oder Neubildung eines Wortes, das formal mit einem bereits bestehenden zusammenfällt.40

Grundsätzlich gibt es drei mögliche Ursachen dafür, dass verschiedene Sprachen sich formal entsprechende Lexeme (vgl. Kapitel 3.5) besitzen:

  1. Ererbung des Wortes aus einer gemeinsamen Ursprache,
  2. Entlehnung aus einer Sprache in die andere oder
  3. parallele Entlehnung aus einer dritten Sprache.

Diese Prozesse sind in Abb. 1 veranschaulicht. Natürlich sind auch komplexere Situationen denkbar, etwa die Entlehnung eines Wortes aus einer Sprache, aus der die zu vergleichende Sprache dieses Wort ererbt hat. Häufig entlehnen auch zwei Sprachen etymologisch verwandte Wörter aus zwei verschiedenen Sprachen. (Eine solche komplexe Situation ist in Abb. 2 dargestellt.) Alle diese Situationen setzen sich aber aus nur zwei Prozessen zusammen, die Einfluss auf die Bedeutung von Wörtern ausüben, nämlich Entlehnung aus einer Sprache in eine andere und Entwicklung im Laufe der Geschichte einer Sprache (wobei eine Aufspaltung dieser Sprache in mehrere Tochtersprachen möglich ist).

Im Folgenden sollen auf dieser Grundlage die Ursachen für Pseudo-Analogonymie nach den Seiten des Saussure'schen Zeichens getrennt untersucht werden, und zwar zunächst die Bedeutungsseite (Kap. 4.1) und dann die formale Seite (Kap. 4.2).

Abb. 2: Komplexe Entlehnungssituation
Abbildung 2

 

4.1. Semantische Ursachen für Pseudo-Analogonymie

Im Laufe der natürlichen Entwicklung einer Sprache finden die verschiedensten Prozesse der Bedeutungsveränderung statt, bei denen Bedeutungsverschiebung und Bedeutungsübertragung zu unterscheiden sind. Erstere wird weiter in Bedeutungsverengung und -erweiterung unterteilt.

Entlehnung ist meist durch die Suche nach einem Wort für einen bestimmten Begriff motiviert. In der Ursprungssprache ist dieses Wort jedoch oft polysem, wobei für die weiteren Bedeutungen in der entlehnenden Sprache bereits Wörter existieren, so dass keine Veranlassung besteht, diese Bedeutungen mit zu entlehnen. Dadurch kommt es im Moment der Entlehnung meist zu einer Bedeutungsverengung. Mańczak (1985: 367) formuliert dies kategorischer: "It is very easy to show that the number of meanings of a word borrowed from one language into another diminishes."

Jedoch liegt der Entlehnungszeitpunkt in vielen Fällen schon weiter zurück, so dass die Wörter in Geber- und Nehmersprache im weiteren Verlauf unterschiedliche Entwicklungen durchgemacht haben (vgl. Dimitrova 1985) – was sowohl zu Bedeutungsverschiebungen als auch zu -übertragungen führen kann.


 

4.1.1. Bedeutungsverschiebung

Im Falle der Entlehnung ist die Bedeutung des entlehnten Wortes in der Gebersprache meist gut belegt, so dass deutlich wird, dass in diesem Fall Bedeutungsverengung vorherrscht.

 (33) lat. relatio 'das Hinstrecken; Wiederholung; Berichterstattung, Vortrag; Beziehung, Verhältnis'
> p. relacja 'Bericht, Mitteilung, Aussage; Beziehung, Verhältnis'
> r. reljacija 'Bericht, Meldung (nur militärisch)'

Aus der Verengung der Bedeutung des Wortes relacja bei der Übernahme aus dem Polnischen ins Russische – laut Vasmer (31990: s. v. reljacija) zur Zeit Peters des Großen – ist also eine partielle Pseudo-Analogonymie entstanden:

 (34) r. reljacija = p. relacja 'Bericht, Meldung (militärisch)'
p. relacja = r. otčët, soobščenie, pokazanie 'Bericht, Mitteilung, Aussage'
p. relacja = r. otnošenie 'Beziehung, Verhältnis'

Bei unterschiedlicher Entwicklung eines slavischen Erbwortes in den Einzelslavinen muss man oft auf das Urslavische zurückgreifen, um die semantische Entwicklung zu rekonstruieren. Im Falle von *kreslo muss daher z. B. durch Vergleich mit dem Baltischen (vgl. lit. kreslas 'Stuhl') die urslavische Bedeutung rekonstruiert werden, um feststellen zu können, dass die allgemeinere Bedeutung 'Stuhl' im Polnischen ursprünglich ist, während im Russischen eine Bedeutungsverschiebung zu 'Sessel' stattgefunden hat:

 (35) r. kreslo = p. fotel 'Sessel'
p. krzesło = r. stul 'Stuhl'

Daneben kann auch die morphologische Analyse bei der Rekonstruktion der ursprünglichen Bedeutung helfen:

 (36) r. zlodej = č. zločinec 'Übeltäter, Verbrecher'
č. zloděj = r. vor 'Dieb'

Offensichtlich sind diese Wörter aus den Stämmen *zul- 'übel' und *dě- 'tun' (sowie dem Interfix *-o-, dem Suffix *-j und der Endung *-i) zusammengesetzt, woraus sich die russische Bedeutung 'Übeltäter' ergibt. Folglich hat im Tschechischen eine Verengung der Bedeutung stattgefunden.

Die Wortbildung ist es auch, die Aufschluss darüber gibt, dass *rěči ursprünglich etwas mit der Sprache zu tun hat, da es offenbar mit *rekti 'sprechen' zusammenhängt. Im Polnischen scheint daher bei diesem Wort ein Fall von Bedeutungserweiterung vorzuliegen, was insgesamt deutlich seltener ist als Bedeutungsverengung (vgl. Lipka 1985: 349).

 (37) a. r. reč' = p. mowa 'Rede, gesprochene Sprache'
p. rzecz = r. vešč' 'Sache, Ding'
b. r. reč' = kr. govor 'Rede, gesprochene Sprache'
kr. riječ = r. slovo 'Wort'

Am ehesten ist die semantische Erweiterung zu 'Sache' von der Bedeutung 'Wort' aus vorstellbar (über 'Begriff' und 'Sache, über die gesprochen wird'), wie sie z. B. im Kroatischen vorliegt.

Schwierig ist die Verfolgung der Entwicklung z. B. im Falle von *dynja, wo die Etymologie nicht zu einer sicheren Rekonstruktion kommt (vgl. Vasmer 31990: s. v. dynja):

 (38) a. r. dynja = č. tykev 'Zuckermelone'
č. dýně = r. tykva 'Kürbis'
b. r. dynja = bg. păpeš 'Zuckermelone'
bg. dinja = r. arbuz 'Wassermelone'

Hier ist für das Urslavische sowohl ein Oberbegriff für große Früchte von der Art der Melonen und Kürbisse als auch jede der in den heutigen Slavinen vorzufindenden Bedeutungen denkbar.41 Sollte das Wort ursprünglich eine der einzelnen Früchte bezeichnet haben, so wäre von einer Bedeutungsübertragung (wohl aufgrund äußerlicher Ähnlichkeiten) auszugehen; das gleiche Ergebnis wäre aber auch erzielt worden, wenn die Bedeutung zunächst erweitert und dann auf einen anderen als den ursprünglichen Unterbegriff (Hyponym) verengt worden wäre. Jedenfalls bezeichnen die Pseudo-Analogonyme hier in den verschiedenen Sprachen Kohyponyme, also Begriffe, die sich einem gemeinsamen Oberbegriff unterordnen lassen.


 

4.1.2. Bedeutungsübertragung

Bei der semantischen Übertragung unterscheidet man Metonymie und Metapher. Bei der Metonymie stehen die ursprüngliche und die metonymische Bedeutung in einem realen (z. B. kausalen oder lokalen) Zusammenhang. So bezeichnet etwa *stolica ursprünglich einen beliebigen Stuhl. Vom Thron des Monarchen bzw. vom Katheder des Professors wurde das Wort im Russischen und Slovenischen dann auf 'Hauptstadt' bzw. 'Lehrstuhl' übertragen42:

 (39) a. r. stolica = slk. hlavné mesto 'Hauptstadt'
slk. stolica = r. stul 'Stuhl'
b. r. stolica = sln. glavno mesto 'Hauptstadt'
sln. stolica = r. kafedra 'Lehrstuhl'

Eine durch die lokale Nähe motivierte Übertragung hat auch bei dem mit d. Grab urverwandten *grobu stattgefunden, das mit *grebti 'graben' zusammenhängt und daher wohl ursprünglich 'Grab' bedeutet. Diese Bedeutung hat sich z. B. im Polnischen erhalten, während im Russischen das Wort auf den Sarg übergegangen ist:

 (40) r. grob = p. trumna 'Sarg'
p. grób = r. mogila 'Grab'

Ein Beispiel für eine kausale Metonymie ist *morku, dessen russische Bedeutung 'Dunkelheit' wohl ursprünglich ist, wie der Vergleich mit lit. merkti 'die Augen schließen' bei Vasmer (31990: s. v. morok) zeigt. In den beiden südlichen westslavischen Sprachen bezeichnet mrak jedoch die Wolke, welche die Sonne verdunkelt:

 (41) r. mrak = č. tma 'Finsternis, Dunkelheit'
č. mrak = r. oblako 'Wolke'

Ein Sonderfall der Metonymie ist das Totum pro Parte, wo die Bedeutung vom Ganzen auf einen Teilaspekt übertragen wird, z. B. die slavischen Entsprechungen des türkisch-persischen divan, das laut Vasmer (31990: s. v. divan) die Grundbedeutung 'Dienstzimmer, Ratssaal, Rat' hatte. In den Slavinen43 wird dieses Wort für zwei typische Accessoires dieser orientalischen Räumlichkeiten benutzt:

 (42) r. divan = wr. kanapa 'Sofa, Couch, Diwan'
wr. dyvan = r. kovër 'Teppich'

Der umgekehrte Fall ist das Pars pro Toto, z. B. bei den slavischen Entsprechungen von lat. machina und motor: Von der Maschine, die ein Fahrzeug antreibt, wird das Wort in verschiedenen Slavinen auf verschiedene Fahrzeuge in ihrer Gesamtheit übertragen:

 (43) a. r. mašina = p. maszyna 'Maschine'
r. mašina = p. samochód 'Auto'
b. r. mašina = sb. mašina 'Maschine'
r. mašina = sb. auto 'Auto'
sb. mašina = r. parovoz 'Lokomotive'
 (44) r. motor = p. motor 'Motor'
p. motor = r. motocikl 'Motorrad'
p. motor = r. iniciator 'Urheber, Anstifter'

Ein solches Pars pro Toto ist in den slavischen Sprachen auch zwischen Zeitbegriffen verbreitet: In einigen Sprachen haben die Wörter *nedělja 'Sonntag' und *lěto 'Sommer' über Redewendungen zur Bestimmung längerer Zeiträume ('sieben Sommer' = 'sieben Jahre') die Bedeutung des übergeordneten Zeitabschnitts fest angenommen:

 (45) r. nedelja = ukr. tyžden' 'Woche'
ukr. nedilja = r. voskresen'e 'Sonntag'
 (46) r. leto = sln. poletje 'Sommer'
sln. leto = r. god (G. Pl. godov und let) 'Jahr'

Immer hat der Teil, von dem aus die Bedeutung auf das Ganze übertragen wurde, eine herausragende Bedeutung (der Motor für das Fahrzeug, der Sonntag innerhalb der Woche, der Sommer innerhalb des Jahres). Im Falle von *trupu 'Rumpf' könnten bei der Übertragung auf 'Kadaver' sogar Situationen eine Rolle spielen, in denen dem Körper eines geschlachteten Tieres tatsächlich die Gliedmaßen fehlen:

 (47) r. trup = sb. trup '(Tier-) Kadaver'
r. trup = sb. leš, mrtvac '(menschlicher) Leichnam'
sb. trup = r. tulovišče 'Rumpf (des Körpers)'
sb. trup = r. stvol 'Stamm (eines Baumes)'

Diese Bedeutungsvielfalt beinhaltet neben der Metonymie auch eine Metapher: Zwischen einem Baumstamm (also dem Baum ohne Äste) und dem Rumpf (dem Körper ohne Glieder) besteht kein sachlicher Zusammenhang, sondern Ähnlichkeit.

Häufig wird in Analogie eine räumliche Bedeutung auf die Zeit übertragen, z. B. bei *kraji von 'Rand' auf 'Ende' und bei *srěda von 'Mitte' auf 'Mittwoch', – und umgekehrt, z. B. bei *poludini von 'Mittag' auf 'Süden' (wo die Sonne mittags steht).

 (48) r. kraj = mk. kraj 'Gegend'
r. kraj = mk. rab, ivica 'Rand'
mk. kraj = r. konec 'Ende'
 (49) r. sreda = bg. srjada 'Mittwoch'
bg. sreda = r. seredina 'Mitte'
 (50) r. polden' = p. południe 'Mittag'
p. południe = r. jug 'Süden'

Eine besondere Form der Metapher ist die Konkretisierung: Hier erhält ein zunächst recht allgemeiner Begriff eine sehr genaue Definition, was vor allem bei Zeitbegriffen zu beobachten ist. So bedeutete z. B. *času ursprünglich nur 'Zeit', wurde dann aber in einigen Slavinen auf 60 Minuten festgelegt. Genauso bezeichnet teilweise *roku 'Frist' genau 12 Monate und *listopadu, die Zeit des Blätterfalls, einen konkreten Monat.

 (51) r. čas = wr. hadzina 'Stunde'
wr. čas = r. vremja 'Zeit'
 (52) a. r. rok = sb. udes, kob 'Schicksal'
sb. rok = r. srok 'Frist, Termin'
b. r. rok = č. osud, úděl 'Schicksal'
č. rok = r. god 'Jahr'
 (53) a. r. listopad = p. listopad 'Blätterfall'
p. listopad = r. nojabr' 'November'
b. r. listopad = kr. listopad 'Blätterfall'
kr. listopad = r. oktjabr' 'Oktober'

Solche Konkretisierungen sind auch in anderen Bereichen anzutreffen, z. B. bei *krasinu, das in allen slavischen Sprachen 'schön', im Russischen aber 'rot' bedeutet, oder bei *ljubiti, das ursprünglich 'lieben, mögen' heißt, im Kroatischen aber vor allem die konkrete Tätigkeit 'küssen' bezeichnet.

 (54) r. krasnyj = slk. červený 'rot'
slk. krásny = r. krasivyj, prekrasnyj 'schön'
 (55) r. ljubit' = kr. voljeti, ljubiti 'lieben, gern haben, mögen'
kr. ljubiti = r. celovat' 'küssen'

In manchen Fällen von Konkretisierung ist allerdings die Grenzziehung zwischen Metapher und Metonymie nicht ganz einfach (z. B. ließe sich auch eine kausale Beziehung zwischen 'lieben' und 'küssen' konstruieren).

Der umgekehrte Fall, die Abstrahierung, ist in der Sprachgeschichte offensichtlich deutlich seltener. Ein Beispiel ist das deutsche Lehnwort Stück (genauer: mittelhochdeutsch stücke), das im Polnischen auch 'Kunst' bedeutet (vgl. auch Abb. 2):

 (56) r. štuka = p. sztuka 'Stück'
p. sztuka = r. fokus, trjuk 'Kunststück'; iskusstvo 'Kunst'

 

4.2. Formale Ursachen für Pseudo-Analogonymie

4.2.1. Formale Konvergenz

Grundsätzlich lassen sich in jeder beliebigen Sprache Wörter finden, die zufällig einem Wort einer anderen Sprache äußerlich ähneln:

 (57) r. tuz = türk. bey, birli 'Ass (Spielkarte)'
türk. tuz = r. sol' 'Salz'
 (58) r. osa = finn. ampainen 'Wespe'
finn. osa = r. čast' 'Teil, Anteil'
 (59) sb. dan ["da_F:n] = chin. tien1 ["t_hiE_Hn] 'Tag'
chin. dan4 ["d_0a_Fn] = sb. osvit ["Osvit] 'Morgendämmerung, Tagesanbruch'
 (60) r. lazit' = ung. mászik, kúszik 'klettern'
ung. lazít = r. razrychljat', oslabljat' 'lockern'
ung. lázít = r. podstrekat' 'aufwiegeln, aufreizen'

Solche zufälligen Ähnlichkeiten sind bei kurzen Wörtern häufiger als bei langen und umso wahrscheinlicher, je ähnlicher sich die phonologischen Systeme der beiden beteiligten Sprachen sind. Daher lassen sich viele derartige Beispiele innerhalb der slavischen Sprachen finden:

 (61) r. majka = sb. majica 'Turnhemd, Trikot'
sb. majka = r. mat' 'Mutter'
 (62) r. kit = p. waleń, wieloryb 'Wal'
p. kit = r. zamazka 'Kitt'
 (63) r. bulka = bg. bjal chljab 'Weißbrot'
bg. bulka = r. nevesta 'Braut'; devuška 'junge Frau'

Da die slavischen Sprachen einen großen Teil ihres Wortschatzes gemeinsam haben, sind partielle Pseudo-Analogonyme, bei denen in einem der beteiligten Idiome Homonymie oder Paronymie vorliegt, sehr häufig:

 (64) r. luk = p. łuk 'Bogen'
r. luk = p. cebula 'Zwiebel'
 (65) r. massa = bg. masa 'Masse'
bg. masa = r. stol 'Tisch'

Oft ist formale Kongruenz jedoch nicht nur auf den Zufall der Sprachgeschichte zurückzuführen, sondern das Ergebnis anderer Prozesse: formale Divergenz (Kap. 4.2.2), paronymische Anziehung (Kap. 4.2.3) und parallele Wortbildung mit formal identischen Mitteln (Kap. 4.2.4).


 

4.2.2. Formale Divergenz

Häufig existiert ein Etymon in mehreren slavischen Sprachen, hat sich aber lautlich so auseinander entwickelt, dass das Wort der einen Sprache weniger seiner Entsprechung in der anderen Sprache ähnelt als einem anderen Wort:

 (66) r. štuka = kr. komad 'Stück'
kr. štuka = r. ščuka 'Hecht'
 (67) r. med' = bg. med 'Kupfer'
bg. med = r. mëd 'Honig'
 (68) r. banka = sb. kutija 'Büchse, Dose'
sb. banka = r. bank 'Bank'
 (69) r. vešč' = p. rzecz 'Ding, Sache'
p. wieść = r. vest' 'Nachricht, Botschaft'

Insbesondere für das Russische ist charakteristisch, dass es etymologisch identische Wörter in einer speziellen Bedeutung aus dem Kirchenslavischen entlehnt hat, so dass Dubletten mit ost- und südslavischer Lautung bzw. Morphologie entstanden sind:

 (70) r. strana = slk. územie, krajina 'Land'
slk. strana = r. storona 'Seite'; stranica 'Buchseite'; partija 'Partei'
 (71) r. korica = kr. cimet 'Zimt'
kr. korica = r. korka 'Kruste'
 (72) r. ischod = bg. izchod 'Ausgang, Ergebnis; Ausweg'
r. ischod = bg. kraj 'Ende, Neige'
bg. izchod = r. vychod 'Ausgang (Tür)'

Mitunter kommt es im Rahmen der Prozesse von Divergenz mit einem verwandten Wort und Konvergenz mit einem nicht verwandten sogar zu einer Entwicklung zweier Etyma 'über Kreuz':

 (73) r. para = č. pár 'Paar; ein paar'
č. pára = r. par 'Dampf'
 (74) r. meč = sb. mač 'Schwert'
sb. meč = r. matč 'Match, Spiel'

 

4.2.3. Paronymische Anziehung

Während bei para und par im Russischen (sowie bei pár und pára im Tschechischen) Versuche der Abgrenzung dieser Paronyme zu beobachten sind, die in beiden Sprachen durch eine Genus-Unterscheidung gelöst wurden (allerdings mit verschiedenem Ergebnis), kommt es häufig umgekehrt dazu, dass der Unterschied zwischen Paronymen aufgegeben wird, so dass sie zu Homonymen werden:

Éto proischodit, verojatno, potomu, čto očen' nebol'šoe (i dlja srednego nositelja jazyka nemotivirovannoe) različie slov po forme v nekotorych slučajach ne oščuščaetsja kak suščestvennyj različitel'nyj priznak i okazyvaetsja funkcional'no ékvivalentnym omonimii. (Malachovskij 1990: 22)
Übers.: Wahrscheinlich geschieht dies, weil ein sehr geringer (und für den durchschnittlichen Sprecher unmotivierter) formaler Unterschied zwischen Wörtern in einigen Fällen nicht als wesentliches Unterscheidungsmerkmal empfunden wird und so funktional mit Homonymie äquivalent ist.

So werden insbesondere neu entlehnte Fremdwörter gern in ihrer Lautung an bereits integrierte Wörter angepasst, wie z. B. das deutsche Wort Federung im Bulgarischen:

 (75) r. federacija = bg. federacija 'Föderation'
bg. federacija = r. ressory 'Federung (eines Fahrzeugs)'

 

4.2.4. Wortbildung mit den gleichen Mitteln

Das morphologische Material nah verwandter Sprachen wie der slavischen ist zu einem großen Teil identisch (vgl. Bsp. 34). Daher kommt es oft vor, dass zwei slavische Sprachen – unabhängig voneinander und mit dem Ziel, unterschiedliche Bedeutungen auszudrücken, – ein Wort aus denselben Morphemen bilden. Beispielsweise benutzt das Russische das Suffix *-oviku, um von dem Stamm *berz- 'Birke' ein Wort für 'Birkenpilz' abzuleiten, während das Weißrussische mit denselben Mitteln ein Wort für 'Birkensaft' erhält. Auf solcher paralleler Wortbildung beruhen z. B. folgende Pseudo-Analogonymien:

 (76) r. berëzovik = wr. padbjarozavik 'Birkenpilz'
wr. bjarozavik = r. berëzovyj sok 'Birkensaft'
 (77) r. dvorec = ukr. palac 'Palast'
ukr. dvirec' = r. vokzal 'Bahnhof'
 (78) r. pamjatnik = p. pomnik 'Denkmal'
p. pamiętnik = r. dnevnik 'Tagebuch'
 (79) r. belizna = p. białość, biel 'helles Weiß'
p. bielizna = r. bel'ë 'Wäsche'

 

5. SYNCHRONISCHE BETRACHTUNG

5.1. Das Verhältnis der Bedeutungen zueinander

Die meisten Wörter, die als Pseudo-Analogonyme auftreten, haben mehrere Bedeutungen. Dies erklärt sich dadurch, dass Polysemie eine linguistische Universalie ist, die im Rahmen der Sprachökonomie notwendig ist, damit eine unendliche Zahl möglicher Sachverhalte mit einer durch das menschliche Gedächtnis beherrschbare Anzahl Zeichen (Lexemen) wiedergegeben werden kann.44

Daher muss, wenn von Bedeutung die Rede ist, im Hinblick auf die Polysemie unterschieden werden zwischen der Einzelbedeutung (auf der Ebene der parole), von denen ein Lexem je nach dem Kontext, in dem es verwendet wird, mehrere haben kann, und der Gesamtbedeutung (auf der Ebene der langue) als Summe der möglichen Einzelbedeutungen. So hat zum Beispiel das russische Wort volja die Gesamtbedeutung 'Wille, Wunsch; Macht, Belieben; Freiheit'. In einer konkreten Äußerung kann es aber immer nur eine der drei Einzelbedeutungen 'Wille, Wunsch', 'Macht, Belieben' oder 'Freiheit' annehmen. Dementsprechend lässt sich das Phänomen der Pseudo-Analogonymie anhand des Verhältnisses der Gesamtbedeutungen (Kap. 5.1.1) oder der im jeweiligen Kontext aktuellen Einzelbedeutungen (Kap. 5.1.2) behandeln.


 

5.1.1. Ebene der Gesamtbedeutung

Versteht man die Gesamtbedeutung eines Lexems als die Menge aller Einzelbedeutungen, so wird die Homonymie zum bloßen Spezialfall der Polysemie. Unabhängig von der Unterscheidung zwischen Homonymie und Polysemie lassen sich Aussagen darüber machen, wie sich die Mengen der Einzelbedeutungen der verglichenen Analogonyme zueinander verhalten. (Zu der folgenden Gliederung vgl. Abb. 3 sowie Milan 1989: 399–402.)

Abb. 3: Inklusion, Exklusion und Überlappung

Totale Pseudo-Analogonymie
Exklusion
Abbildung 3a

Partielle Pseudo-Analogonymie
Inklusion
Abbildung 3b

Überlappung
Abbildung 3c

Die erste Möglichkeit, wie sich die Bedeutungen zweier Wörter unterscheiden können, ist die Exklusion: Die beiden Lexeme haben keine einzige Bedeutung gemeinsam. Dies ist der Fall bei den 'klassischen' Pseudo-Analogonymen, meist totale oder vollständige 'falsche Freunde' genannt. Im Vergleich mit den partiellen Pseudo-Analogonymen, bei denen eine oder mehrere Bedeutungen sich decken, sind diese im Lernprozess noch am leichtesten zu bekämpfen, da die logische Aussage, die der Lernende sich merken muss, vergleichsweise einfach ist: A <> B, z. B. r. život <> slk. život:

 (80) r. život = slk. brucho 'Bauch'
slk. život = r. žizn' 'Leben'

Bei der partiellen Pseudo-Analogonymie muss der Lernende hingegen zusätzlich die Bedingungen verinnerlichen (und ggf. vorher erkennen), unter welchen A mit B zu übersetzen ist und unter welchen nicht. Innerhalb der partiellen 'falschen Freunde' gibt es wiederum zwei Möglichkeiten für das Verhältnis der Bedeutungsmengen zueinander. Zunächst ist die Inklusion zu nennen, bei der das eine Pseudo-Analogonym sämtliche Bedeutungen des anderen umfasst, Letzteres aber nicht alle Bedeutungen des Ersteren beinhaltet. Hier entstehen die Schwierigkeiten nur in einer Richtung, nämlich beim Übersetzen aus der Sprache, in der das Pseudo-Analogonym mehr Bedeutungen hat. Beispielsweise besteht bei der Übersetzung vom Ukrainischen ins Russische die Gefahr, das Wort šyna in der Bedeutung 'Gleis, Schiene' mit šina zu übersetzen – auf Russisch heißt 'Schiene' jedoch rel's. Umgekehrt ist die ukrainische Entsprechung šyna für russisch šina aber immer richtig, da die einzige Bedeutung des russischen Wortes, 'Reifen', auch von dem ukrainischen šyna abgedeckt wird.

Komplizierter ist es bei der Überlappung der Bedeutungen. Bei dieser Art der Pseudo-Analogonymie haben beide Analogonyme Einzelbedeutungen, die die jeweilige Scheinentsprechung nicht enthält. So vereinen diese Pseudo-Analogonym-Paare die Nachteile der beiden anderen Gruppen: Sie sind wegen ihrer gemeinsamen Bedeutungen schwer auseinander zu halten und stellen Fehlerquellen bei der Übersetzung in beide Richtungen dar.

Milan (1989: 399) weist darauf hin, dass bei Ivir (1968) – den er nach Wełna (1977: 73 f.) zitiert – auch die Relation Äquivalenz aufgeführt wird, bei der das Analogonymenpaar zwar dieselbe Semantik hat, in den beiden Sprachen aber mit stark unterschiedlicher Frequenz gebraucht wird. Die Frequenz eines Wortes steht aber immer im Zusammenhang mit stilistischen, pragmatischen oder minimalen semantischen Unterschieden – falls nicht die mit dem Lexem verknüpfte Realie in den verglichenen Sprachgemeinschaften unterschiedlich häufig ist. Daher ist die Bezeichnung dieses Phänomens der Pseudo-Analogonymie als (semantische) Äquivalenz unzulänglich, stattdessen sollte näher auf die bestehenden Differenzen eingegangen werden. Dies geschieht im folgenden Kapitel.


 

5.1.2. Ebene der Einzelbedeutung

Die (Einzel-) Bedeutung, die ein Wort in der parole hat, steht in direktem Zusammenhang mit den Situationen, in denen dieses Wort verwendet wird. Eine Verwechslungsgefahr besteht aber in einer konkreten Situation nur, wenn beide Pseudo-Analogonyme in dieser Situation 'einen Sinn ergäben'. Daher gibt es eine Reihe Wortpaare, die formal den Pseudo-Analogonymen zuzurechnen sind, die aber wegen ihrer völlig verschiedenen Bedeutungen kaum verwechselt werden können, da aufgrund des unpassenden Zusammenhangs sofort auffällt, dass ein Fehler vorliegen muss.45 Dies ist vor allem bei den Pseudo-Analogonymen der Fall, deren Lautungen durch den Zufall der Sprachgeschichte zusammengefallen sind.

 (81) a. r. bulka = kr. bijeli kruh 'Weißbrot'
kr. bulka = r. mak-samosejka 'Klatschmohn'
b. r. bulka = bg. bjal chljab 'Weißbrot'
bg. bulka = r. nevesta 'Braut'; devuška 'junge Frau'

Allerdings kommen auch zufällige Pseudo-Analogonymien mit großer Verwechslungsgefahr vor, oder etymologisch verwandte Wörter können sich so weit auseinander entwickelt haben, dass ein Missverständnis kaum noch möglich ist. Letzteres ist bei den folgenden allesamt mit dem Verb *dumati 'denken' zusammenhängenden Lexemen der Fall:

 (82) a. r. duma46 ~ p. Sejm 'Duma, russisches Parlament'
p. duma = r. gordost' 'Stolz'
b. r. duma46 ~ bg. Narodono săbranie 'Duma, russisches Parlament'
bg. duma = r. slovo 'Wort'

An dieser Stelle muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Einschätzung der Verwechslungsgefahr grundsätzlich nur mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten kann. Da die Zahl der möglichen Situationen unendlich ist, lässt sich eine Situation, in der zwei Wörter in paradigmatischer Beziehung stehen – also verwechselbar sind –, nie völlig ausschließen. Insofern "besteht ein 'faux ami' nicht objektiv zwischen zwei Sprachen, sondern es ist immer ein individueller Sprecher davon betroffen" (Haschka 1989: 149), für den bestimmte 'falsche Freunde' gar kein Problem darstellen mögen, während er anderen, scheinbar offensichtlichen unterliegt. Da der Begriff der Pseudo-Analogonymie nicht didaktisch, sondern kontrastiv-lexikologisch ausgerichtet ist, umfasst er ausnahmslos alle Wortpaare, die formal seinen Kriterien entsprechen. Unter diesen lassen sich aber einige besonders schwierige Fälle unterscheiden.

Verwechslungsgefahr ist vor allem dann gegeben, wenn die Pseudo-Analogonyme demselben Wortfeld angehören, hier z. B. der Medizin:

 (83) r. lekarstvo = sb. lek 'Medikament, Arznei'
sb. lekarstvo = r. medicina 'Medizin, Heilkunde'

In einigen Fällen ist dieser Bezug eher assoziativ, im folgenden Beispiel etwa die Konnotation der Geborgenheit, die unter Umständen dazu führen kann, dass ein völlig falsch verstandener Satz nicht aus dem Zusammenhang fällt.

 (84) a. r. rodina = slk. vlasť 'Heimat'
slk. rodina = r. sem'ja 'Familie'
b. r. rodina = sb. domovina 'Heimat'
sb. rodbina = r. rodstvenniki 'Verwandtschaft'

Häufig lässt sich aber auch ein konkreter Oberbegriff (Hyperonym) für die durch die Pseudo-Analogonyme ausgedrückten Begriffe finden:

 (85) r. dvorec = p. pałac 'Palast'
p. dworzec = r. vokzal 'Bahnhof'
 (86) a. r. vrag = č. nepřítel 'Feind'
č. vrah = r. ubijca 'Mörder'
b. r. vrag = sln. sovražnik 'Feind'
sln. vrag = r. čërt 'Teufel'
 (87) r. prozvišče = ukr. prizvys'ko 'Übername, Spitzname'
ukr. prizvyšče = r. familija 'Nachname, Familienname'
 (88) r. gora = bg. planina 'Berg'
bg. gora = r. les 'Wald'
 (89) r. slivki = p. śmietanka 'Sahne'
p. śliwki = r. slivy 'Pflaumen'

Für diese Beispiele lauten die gemeinsamen Hyperonyme 'Gebäude', 'negativ besetzte Person', 'Name', 'Geländeformation' und 'Lebensmittel'. Die Begriffe, die hier verglichen werden, verhalten sich also zueinander wie Kohyponyme.

Ebenso kann es vorkommen, dass eines der Pseudo-Analogonyme den Oberbegriff zu dem anderen bildet.

 (90) r. jagoda = mk. zrno 'Beere'
mk. jagoda = r. klubnika 'Erdbeere'
 (91) a. r. čelovek = ukr. ljudyna 'Mensch'
ukr. čolovik = r. muž 'Ehemann'
b. r. muž = ukr. čolovik 'Ehemann'
ukr. muž = r. mužčina 'Mann'
 (92) r. palec = bg. prăst 'Finger'
bg. palec = r. bol'šoj palec 'Daumen'

Čongarova (1992: 77) spricht in diesem Zusammenhang von einer Relation der semantischen "Einschließung" ("vključenie") zwischen dem Hyperonym und dem Hyponym.47 Diese darf nicht mit der in Kapitel 5.1.1 genannten Inklusion verwechselt werden, denn dort ging es um den Bedeutungsumfang, während hier die "Bedeutungsbreite" (Hengst 1977: 257) gemeint ist.48 Als "Einschließung" behandelt Čongarova neben den oben genannten u. a. auch folgende Fälle:

 (93) r. nedelja = bg. sedmica 'Woche'
bg. nedelja = r. voskresen'e 'Sonntag'
 (94) r. bor = bg. borova gora 'Kiefernwald'
bg. bor = r. sosna 'Kiefer'

In der Tat liegt hier ein ähnliches Phänomen vor, wenn auch nicht dasselbe. Denn in den Beispielen 90 bis 92 handelt es sich um Ober- und Unterbegriffe, so dass die Aussagen eine Erdbeere ist eine Beere, ein Ehemann ist ein Mensch usw. stets wahr sind. Hingegen ist in den Beispielen 93 und 94 diese Gleichsetzung (+ein Sonntag ist eine Woche usw.) nicht möglich. Es wäre also genauer, weiter zwischen hyperonymischer Einschließung durch einen Oberbegriff und kollektivischer Einschließung durch einen Sammelbegriff zu unterscheiden.

Zuweilen liegt der semantische Unterschied zwischen Pseudo-Analogonymen nur in Nuancen, etwa im folgenden Fall im Grad der Kälte:

 (95) r. cholod = kr. hladnoća, studen, zima 'Kälte'
kr. hlad = r. prochlada 'Kühle'; ten' 'Schatten'

Dennoch ist selbst hier eindeutig festzustellen, dass die semantisch so ähnlichen Wörter nicht äquivalent sind. Einen Grenzfall der Pseudo-Analogonymie stellen hingegen Wörter dar, deren geringe semantische Unterschiede durch Realien der jeweiligen Kultur bestimmt sind. Beispielsweise bezeichnet das serbische Wort torta eine Torte im deutschen Sinne, während das russische Wort tort sich vor allem auf (meist quadratische) Gebäcke bezieht, die Deutsche häufig eher als Kuchen bezeichnen würden.49 Ob sb. torta trotz dieser Nuancen mit r. tort zu übersetzen ist (und umgekehrt) oder ob etwa r. pirog (bzw. sb. kolač) ein besseres Äquivalent darstellt, müssten eingehendere kontrastive Analysen der einzelnen Wörter klären.

Die bisher behandelten Unterschiede waren rein semantischer Art. Jedoch können auch Wörter, die in Bezug auf die Semantik im engeren Sinne völlig identisch sind, als Pseudo-Analogonyme auftreten, indem sie sich z. B. stilistisch unterscheiden. So sind die Wörter dlan' 'Handfläche' und usta 'Mund' im Russischen veraltet und klingen, wenn sie in heutigen Texten vorkommen, archaisierend oder poetisch, während kr. dlan 'Handfläche' und usta 'Mund, Maul' völlig alltägliche Wörter sind, denen r. ladon' bzw. rot entsprechen. Häufig sind auch Pseudo-Analogonyme, die in einer Sprache eine pejorative Bedeutung haben, während sie in der anderen die neutrale Bezeichnung für denselben Begriff sind.

 (96) r. pës = p. kundel 'Köter, Töle'
p. pies = r. sobaka 'Hund'
 (97) r. baba50 = sb. ženska 'Weib'
sb. baba = r. babuška 'Großmutter'; staruška 'alte Frau'

 

5.2. Die Bedeutung absolut

Während die Relation zwischen den Bedeutungen zweier Wörter Auswirkungen auf die Wahrscheinlichkeit einer Verwechslung hat, hängt es zum Großteil von der Bedeutung für sich allein genommen ab, welche Folgen eine Verwechslung hat. Zum Beispiel können Wörter, die eine genaue Raum- oder Zeitangabe beinhalten (immer unter der Voraussetzung, dass sie in dieser Hinsicht nicht mit ihrem Pseudo-Analogonym übereinstimmen), dazu führen, dass Menschen eine Verabredung nicht einhalten oder ihren Weg nicht finden (wie in dem in Kap. 2.3 geschilderten Fall von p. zachód 'Westen' und slk. záchod 'Abort').

 (98) r. napravo = bg. na djasno 'nach rechts'
bg. na pravo = r. prjamo 'geradeaus'
 (99) r. vychod = č. východ 'Ausgang'
č. východ = r. vostok 'Osten'
 (100) r. rano = p. wcześnie 'früh'
p. rano = r. utrom, s utra 'morgens'
 (101) r. s utra = kr. ujutro 'morgens'
kr. sutra = r. zavtra 'morgen'

Eine andere Gefahr sind 'peinliche Situationen', die entstehen können, wenn das gewählte Wort anstelle der gewünschten Bedeutung tabuisierte Begriffe bezeichnet, z. B. menschliche Ausscheidungen:

 (102) r. kal = sb. izmetine 'Kot, Exkremente'
sb. kal = r. grjaz' 'Dreck, Schmutz'
 (103) r. ponos = kr. proljev 'Durchfall'
kr. ponos = r. gordost' 'Stolz'
 (104) r. pogan' = sb. fukara, izmet 'Unrat, Gesindel'
sb. pogan = r. kal, pomët 'Kot, Exkrement'; grjaz' 'Schmutz, Dreck'

Ein Sonderfall ist das russische Verb pisat', das mit Endbetonung dieselbe unverfängliche Bedeutung hat wie seine Analogonyme im Polnischen und Kroatischen. Letztere werden aber auf der ersten Silbe betont, und mit dieser Akzentuierung ergibt sich im Russischen eine vulgäre Bedeutung:

 (105) a. r. pisát' = p. pisać 'schreiben'
r. písat' = p. szczać 'pissen'
b. r. pisát' = kr. písati 'schreiben'
r. písat' = kr. pišati 'pissen'

Weitere tabuisierte Begriffe sind z. B. die Benennungen der (primären und sekundären) Geschlechtsorgane. Ferner sind heikle Missverständnisse möglich, wenn eines der Pseudo-Analogonyme einer vulgären Sprachschicht zuzurechnen ist (dazu soll das oben genannte Beispiel 105 genügen) oder eine negative oder abwertende Bedeutung hat (zu Schimpfwörtern vgl. auch Kap. 5.1.2 Ende):

 (106) a. r. meščanin = p. mieszczuch, kołtun 'Kleinbürger; Spießer, Spießbürger'
p. mieszczanin = r. gorožanin 'Bürger (einer Stadt)'
b. r. obyvatel' = p. kołtun, filister 'Kleinbürger; Spießbürger, Philister'
p. obywatel = r. graždanin 'Bürger, Staatsbürger'

An dieser Stelle ist noch einmal zu betonten, dass diese Gefahren durch die in Kapitel 5.1 erarbeiteten sich aus der Relation zwischen den Bedeutungen der Wörter ergebenden Faktoren modifiziert werden, was folgendes Beispiel illustriert:

 (107) r. grudastyj = sb. grudast 'granulös'
r. grudastyj = sb. sa velikama grudima 'mit großer Oberweite'

Hier liegt Inklusion vor, bei der eine Verwechslungsgefahr nur in russisch-serbischer Richtung besteht. Der einzige denkbare Fehler ist also der, dass ein Russisch Sprechender, der auf Serbisch eine Frau mit großer Brust beschreiben möchte, den Fachausdruck für 'gekörnt' wählt. Ebenfalls relativ ungefährlich sind z. B. Pseudo-Analogonyme, die in beiden Sprachen gleichermaßen Schimpfwörter sind.

 (108) r. prostak = kr. glupak 'Einfaltspinsel, Dummkopf'
kr. prostak = r. grubijan, neveža 'Rüpel, Grobian'

Bei der Abschätzung der 'Gefährlichkeit' von Pseudo-Analogonymen (die sowohl die Wahrscheinlichkeit einer Verwechslung als auch deren mögliche Folgen umfasst) hat also die Relation zwischen den Bedeutungen der Wörter Priorität vor den Eigenschaften der Bedeutungen selbst.

 

5.3. Häufigkeit der Pseudo-Analogonymie

Die vielen bisher angeführten Beispiele von Pseudo-Analogonymie aus den verschiedensten Sprachen, Wortfeldern und Stilschichten scheinen die Universalität dieses Phänomens zu belegen. Aber ist es auch überall gleich häufig anzutreffen? Dazu gibt es bisher noch keine Untersuchungen, und auch in dieser Arbeit sind empirische Vergleiche nicht möglich, da eine solche Statistik nur dann Aussagekraft hat, wenn eine große Zahl von Elementen (hier: Wörtern) ausgezählt wird, wozu der Zeitrahmen nicht ausreicht.51 Daher können hier nur einige Vor-Überlegungen angestellt werden.


 

5.3.1. Sprachpaarbezogene Quantifizierung

Laut Große (1998: 360) hängt die Zahl der Pseudo-Analogonyme "selbstverständlich von den verglichenen Sprachen" ab. Welcher Art diese Abhängigkeit sei, führt er jedoch nicht näher aus. Auch sonst finden sich in der umfangreichen Literatur zur Pseudo-Analogonymie keine systematischen Überlegungen dazu. Sicher hängt dies auch damit zusammen, dass sich die meisten Autoren der Didaktik einer Sprache oder dem Vergleich zwischen zwei Sprachen, nicht aber dem multilateralen Sprachvergleich widmen. Zuweilen wird jedoch behauptet, das gerade untersuchte Sprachpaar verfüge über besonders viele Pseudo-Analogonyme, so z. B. Hrabčykau (1980: 4) über Weißrussisch und Russisch:

Imenno zdes' voznikajut takie trudnosti, kotorye soveršenno neizvestny jazykam, dalekim po svoemu proischoždeniju, različnym po grammatičeskomu stroju, slovarnomu sostavu i t.d.
Übers.: Gerade hier entstehen Schwierigkeiten, die genetisch fernen Sprachen mit unterschiedlicher grammatischer Struktur und unterschiedlichem Wortschatz usw. völlig unbekannt sind.

"Völlig unbekannt" ist jedoch eine Übertreibung. Wie die Beispiele 57 bis 60 gezeigt haben, ist weder Verwandtschaft noch typologische Nähe ein notwendiges Kriterium für die Existenz von Pseudo-Analogonymen. Vermutlich gibt es auf der Welt kein einziges Sprachpaar ohne 'falsche Freunde', denn auch zwischen Varianten einer Sprache (vgl. Bsp. 10 bis 13) und nah verwandten Idiomen in engem Kontakt gibt es Pseudo-Analogonymie.

 (109) a. sb. slovenski = kr. slavenski 'slavisch'
kr. slovenski = sb. slovenački 'slovenisch'
b. mk. slovenski = bg. slavjanski 'slavisch'
bg. slovenski = mk. slovenečki 'slovenisch'

Diese Pseudo-Analogonymie hat im serbisch-kroatischen Fall zwischen zwei Varietäten der serbokroatischen Sprache (als die sie damals angesehen wurden) sieben Jahrzehnte in einem gemeinsamen Staat überstanden, ohne dass sie wenigstens in der sprachwissenschaftlichen Terminologie ausgeräumt worden wäre (etwa durch ausschließlichen Gebrauch der unmissverständlichen Wörter slavenski und slovenački).

Um beantworten zu können, ob die Anzahl von Pseudo-Analogonymen vom Abstand zweier Sprachen abhängt, ist eine Rückbesinnung auf die beiden Grundkriterien der Pseudo-Analogonymie nötig: die ähnliche Form und den unterschiedlichen Inhalt.

Die statistische Anzahl von Wörtern ähnlicher Form wird zweifellos von der phonologischen Ähnlichkeit zweier Sprachen beeinflusst. Neben dem Phonem-Inventar der Sprachen spielen hier besonders die zugelassenen Silbenstrukturen eine Rolle: Sämtliche Wörter in einer Sprache A, die der verglichenen Sprache B fremde Laute enthalten oder eine in Sprache B unmögliche Silbenstruktur aufweisen, kommen als Pseudo-Analogonyme nicht in Betracht, da es in Sprache B keine Wörter gibt, die diesen Wörtern in Sprache A formal ähneln. Bei typologisch sehr ähnlichen Sprachen kommt es nun weiter auf den Anteil der gemeinsam ererbten oder entlehnten Wörter am jeweiligen Wortschatz an. Sowohl der typologische als auch der genetische Faktor sprechen also dafür, dass zwei Sprachen umso mehr formal ähnliche Wörter aufweisen, je näher sie einander sind.

Mit dem unterschiedlichen Inhalt der Wörter verhält es sich genau umgekehrt: Je näher zwei Sprachen sich stehen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem beliebigen Wort der Sprache A eine genaue Übersetzung in Sprache B gibt, die denselben Bedeutungsumfang hat. (Die Unterschiede im Bedeutungsumfang schlagen sich im zweisprachigen Wörterbuch in einer großen Zahl von Übersetzungen für jedes einzelne Lemma nieder.)

Folglich wirken die beiden Faktoren in entgegengesetzter Richtung. Je geringer der Abstand zwischen zwei Vergleichssprachen ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit formal ähnlicher Wörter, desto geringer ist aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Wörter sich semantisch unterscheiden. Anders gesagt: Zwischen zwei typologisch und genetisch extrem verschiedenen Sprachen (gewissermaßen zwei 'linguistischen Antipoden') gäbe es keine Pseudo-Analogonyme, weil keine ähnlich klingenden Wörter mehr vorhanden wären.52 Zwischen zwei extrem ähnlichen Sprachen (bei einem Abstand von null also theoretisch ein- und dieselbe Sprache) gäbe es aber ebenfalls keine Pseudo-Analogonyme, weil keine semantischen Unterschiede existierten. Dazwischen muss ein Maximum liegen, ein idealer Abstand für das Auftreten von Pseudo-Analogonymie. (Diese These ist in Abb. 4 illustriert.)

Abb. 4: Häufigkeit der Pseudo-Analogonymie54
Abbildung 4

Es wäre zu untersuchen, ob dieser Befund auch empirisch nachweisbar ist. Dazu müsste einerseits eine zweckmäßige Methode der Abstandsmessung gefunden werden, wobei zu berücksichtigen wäre, dass je nach dem dabei angelegten Kriterium unterschiedliche Ergebnisse möglich sind.53 Andererseits wären Zählungen der Pseudo-Analogonyme durchzuführen, die voraussetzen, dass bei jedem Wortpaar eindeutig entschieden werden kann, ob es sich dabei um Pseudo-Analogonyme handelt oder nicht. Dies würde die Trennschärfe der in Kapitel 3 erarbeiteten Definition auf die Probe stellen.


 

5.3.2. Quantifizierung innerhalb einer Sprache

Der Wortschatz einer Sprache lässt sich nach verschiedenen Kriterien in Teilbereiche untergliedern, die möglicherweise unterschiedliche Häufigkeiten von Pseudo-Analogonymie aufweisen. Im Vergleich mit einer bestimmten Sprache lassen sich meist Bereiche isolieren, in denen es besonders viele Wörter gemeinsamer Herkunft gibt. Im Russischen finden sich z. B. viele griechische Lehnwörter besonders im religiösen Wortschatz, niederländische im Bereich der Seefahrt, deutsche in der militärischen Lexik usw., was mit den historischen Gegebenheiten der Einflüsse aus den jeweiligen Kulturen zu tun hat. Im Gegensatz zu diesen Fachvokabularien besteht der Grundwortschatz hauptsächlich aus Erbwörtern, die also vielfach auch in anderen slavischen Sprachen vertreten sind.

Wie in Kapitel 4.1 gesehen, bringt Entlehnung fast immer eine Bedeutungsverengung mit sich, und auch sonst entwickelt sich die Bedeutung der Wörter einer Sprache im Laufe der Jahrhunderte weiter (und entwickeln sich die Bedeutungen ursprünglich gleicher Wörter in verschiedenen Sprachen auseinander). Da dieser Divergenz-Effekt sicherlich höher zu bewerten ist als die statistische Wahrscheinlichkeit, dass zwei Wörter in verschiedenen Sprachen zufällig eine ähnliche Form aufweisen, ist auch die Häufigkeit der Pseudo-Analogonymie in den genannten Bereichen der Lexik besonders hoch.

Eine Einschränkung ist in Bezug auf international definierte Termini zu machen, die vor allem in der Wissenschaftssprache vorkommen. In der definierten Bedeutung gibt es unter diesen natürlich keine 'falschen Freunde'. Wohl aber können solche Termini in verschiedenen Sprachen verschiedene zusätzliche (übertragende) Bedeutungen annehmen, und ihre Definition weicht in der Regel von der Bedeutung des verwendeten Wortes in der ursprünglichen Gebersprache – falls eine solche existiert – ab, so z. B. der mathematische Terminus Radius, der im Latein ganz andere Bedeutungen hatte:

 (110) r. radius 'Halbmesser; Wirkungsbereich'
lat. radius = r. palka 'Stab'; spica 'Radspeiche'; grifel' 'Zeichenstift'; čelnok 'Weberschiffchen'; maslina 'Olive'; luč (sveta) '(Licht-) Strahl'

Ein weiteres Kriterium bringt Karpov (1983: 19) ins Spiel. Bezogen auf den russisch-bulgarischen Sprachvergleich bemerkt er:

Bol'šinstvo raschoždenij omonimičnogo charaktera prichoditsja na suščestvitel'nye, reže na prilagatel'nye i ešče reže na drugie časti reči (pri étom točkoj otsčeta javljaetsja jazyk nositelja jazyka — studenta [d. i. Russisch]).
Übers.: Die Mehrzahl der Unterschiede homonymischer Art entfällt auf die Substantive, weniger auf die Adjektive und noch weniger auf die anderen Wortarten (wobei der Ausgangspunkt die Muttersprache des Studenten ist [d. i. Russisch]).

Diese Beobachtung beruht allerdings zum Teil auf der Tatsache, dass Karpov (1998: 61 f.) bei seiner Definition der zwischensprachlichen Homonymie Unterschiede in der Wortart nicht berücksichtigt (vgl. Tab. 2). Im Bulgarischen haben aber viele Adjektive (auf Konsonant, -a, -o auslautend) und Verben (v. a. auf -ja) Formen, die im Russischen Substantive haben. Jedoch stellt auch Šipka (1999: 16) fest, dass knapp 60 % seiner polnisch-serbischen Pseudo-Analogonymien auf Substantive entfallen (sowie 30 % auf Verben und knapp 9 % auf Adjektive). Eine Ursache dieser Beobachtung scheint wieder die Entlehnung zu sein. Substantive werden offensichtlich häufiger entlehnt als Verben – Präpositionen und Konjunktionen dagegen fast nie. Eine nähere Untersuchung, inwiefern die Häufigkeit der Pseudo-Analogonymie von der Wortart abhängt, steht aber noch aus.

 

6. SPEZIELLE ASPEKTE DER PSEUDO-ANALOGONYMIE

Nun sollen einige besonders interessante Phänomene innerhalb der Pseudo-Analogonymie herausgegriffen werden, um zu zeigen, inwiefern die Beschäftigung mit Pseudo-Analogonymie zusätzliche Impulse in verschiedenen Disziplinen der Sprachwissenschaft geben kann. (Da dabei keine Vollständigkeit angestrebt wird, wurde auch auf eine hierarchische Untergliederung dieser Aspekte verzichtet.)

 

6.1. Enantiosemie.

Ein semantisches Kuriosum stellen Pseudo-Analogonyme dar, die in den verschiedenen Sprachen genau das Gegenteil bedeuten:

 (111) r. blagoj = wr. dobry 'gut, wohl'
wr. blahi = r. plochoj 'schlecht, übel'
 (112) r. kriminalist = p. specjalista w dziedzinie kryminologii 'Kriminalist'
p. kryminalista = r. ugolovnyj prestupnik 'Krimineller'
 (113) r. vrednyj = kr. štetan 'schädlich'
kr. vrijedan = r. cennyj 'wertvoll'

Dies ist jedoch kein ausschließlich zwischensprachliches Phänomen. Das wohl bekannteste Beispiel für innersprachliche Enantiosemie ist das lateinische Adjektiv altus, das sowohl 'hoch' als auch 'tief' bedeutet. So heißt z. B. altus mons 'hoher Berg', altus puteus jedoch 'tiefer Brunnen' (Šercl' 1973 [1884]: 259). Wer sich darüber wundert, übersieht, dass Antonyme stets eine Gemeinsamkeit haben, nämlich die Achse, auf der sie die Extreme bilden – in diesem Fall also die vertikale Dimension. (So entspricht auch im Deutschen z. B. die hohe See dem tiefen Meer.) Das Phänomen, dass zwei diametral entgegengesetzte Bedeutungen durch ein einziges Lexem ausgedrückt werden, nennt man Enantiosemie55 (von gr. en 'darin', antíos 'entgegengesetzt' und séma 'Zeichen'). Man muss davon ausgehen, dass das betreffende Lexem ursprünglich eine sehr weit gefasste Bedeutung hatte, die beide Bedeutungen einschließt, dass lat. altus also ursprünglich eine lange senkrechte Strecke bezeichnete.

Nesomnenno, takaja porazitel'naja neopredelennost' značenij v odnich i tech že zvukovych kompleksach okazyvaetsja unasledovannoju ot drevnejšich époch jazyka, tak kak čem jazyk drevnee i čem narod primitivnee, tem čašče vstrečaetsja éto javlenie (Šercl' 1973 [1884]: 259).
Übers.: Zweifellos ist diese erstaunliche Unbestimmtheit der Bedeutungen in ein- und denselben Lautkomplexen aus den ältesten Epochen der Sprache ererbt, denn je älter eine Sprache und je primitiver ein Volk ist, desto häufiger ist dieses Phänomen.

Dies impliziert, dass Sprachen die Tendenz haben, Missverständliches wie Homonymien (und damit auch Enantiosemien) zu tilgen und dass damit im Laufe der Entwicklung der Sprachen Enantiosemie immer seltener werde. Zwar ist diese Tendenz in der Tat zu beobachten (wenn auch seltener als häufig angenommen, vgl. Budagov 1963: 243), jedoch gibt es auch den umgekehrten Prozess, dass Wörter ironisch oder verhüllend für ihr Gegenteil verwendet werden oder bestimmten Worthülsen fast jede erdenkbare Bedeutung zugeschrieben wird. So bedeutet in der russischen Jugendsprache z. B. čuma (allgemeinsprachlich 'Pest') sowohl 'Fiasko, ausweglose Situation' als auch 'etwas Hervorragendes, außergewöhnlich Schönes' (Nikitina 21998: s. v. čuma); ein anderes von vielen Beispielen aus dem Jargon ist das Verb prikolot'sja – vgl. die folgenden Belege (aus Nikitina 21998: s. v. prikolot'sja):

 (114) a. Vot svoloč', malo togo, čto dva stavit, eščë i prikoletsja nad toboj. 'Was für ein Mistkerl, dass er dir die Fünf gibt und sich obendrein noch über dich lustig macht.'
b. Ja k étoj gerle prikololsja. 'Ich hatte mich in dieses Mädel verknallt.'

Die Tendenz zu umfassenden Bedeutungen ist also keine Randerscheinung prähistorischer, "primitiver" Gesellschaften. Genauso wenig ist auch das Wort irstvu eine Ausnahme:

 (115) r. čërstvyj chleb = č. tvrdý, suchý chléb 'hartes, trockenes Brot'
č. čerstvý chléb = r. svežij chleb 'frisches Brot'

Im Ukrainischen hat čerstvyj beide Bedeutungen, 'hart' und 'frisch', sowie die Bedeutung 'stark', von der sich beide ableiten lassen.56

Eine parallele Bedeutungsverengung in unterschiedlicher Richtung hat auch bei *voni 'Geruch' stattgefunden:

 (116) r. von' = p. smród 'Gestank'
p. woń = r. aromat 'Duft, Wohlgeruch'

Antonymie spezieller Art, nämlich Konversion, liegt bei *doiti 'saugen; säugen' vor: Es ist mit d. leihen ('für eine begrenzte Zeit geben oder nehmen') zu vergleichen, das entgegengesetzte Handlungen bezeichnet:

 (117) r. doit' = kr. musti 'melken'
kr. dojiti = r. kormit' (grud'ju) 'stillen, die Brust geben; säugen'

Auf der Ebene der Konnotation liegt eine Enantiosemie bei *tąča vor, dessen Bedeutungsumfang fast beliebige Himmelserscheinungen umfasst, was sowohl die negativ konnotierte Regenwolke als auch den positiven Regenbogen einschließt:

 (118) a. r. tuča = sb. oblak 'Wolke, Regenwolke'
sb. tuča = r. grad 'Hagel'
b. r. tuča = p. chmura 'Wolke, Regenwolke'
p. tęcza = r. raduga 'Regenbogen'

Jedoch können neben der parallelen Bedeutungsverengung 'mit umgekehrten Vorzeichen' auch alle anderen Ursachen für Pseudo-Analogonymie enantiosemische 'falsche Freunde' hervorbringen. So beruht das bekannte Wortpaar r. urod : p. uroda nicht auf einer "Frage des Geschmacks" (vgl. Andrej Kurkovs am Anfang der Einleitung zitierte scherzhafte Bemerkung), sondern auf dem zufälligen Zusammenfall zweier Präfixe:

 (119) r. urod = p. dziwoląg 'Missgeburt; Scheusal'
   < ą-rod-u
p. uroda = r. krasota 'Schönheit'
   < u-rod-a

Parallele Wortbildung mit formal identischem morphologischem Material (vgl. Kap. 4.2.4) liegt im folgenden Fall vor, wo bei dem Verb *po-miniti 'gedenken' das Präfix *za- im Russischen den Beginn der Handlung und im Polnischen deren Verneinung bezeichnet:

 (120) r. zapomnit' = p. zapamiętać 'sich merken'
p. zapomnieć = r. zabyt' 'vergessen'

 

6.2. Scheinbar klar definierte Kohyponyme

Innerhalb eines semantischen Felds, das einem gemeinsamen Oberbegriff unterzuordnen ist, schließen sich die Kohyponyme ebenso wie Antonyme trotz eines inhaltlichen Bezugs gegenseitig aus. Dies betrifft besonders Gebiete, die durch den wissenschaftlichen Fortschritt des 18. bis 20. Jahrhunderts besonders klar definiert zu sein scheinen; dazu vier Beispiele aus Chemie (Metallnamen) und Biologie (Einteilung der Früchte sowie Obst- und Baumsorten; vgl. auch *dynja, Bsp. 38):

 (121) r. olovo = č. cín 'Zinn'
č. olovo = r. svinec 'Blei'
 (122) r. ovošči = slk. zelenina 'Gemüse'
slk. ovocie = r. frukty 'Obst'
 (123) r. tykva = p. dynia 'Kürbis'
p. tykwa = r. gorljanka 'Flaschenkürbis'
 (124) r. ol'cha = bg. elša 'Erle'
bg. elcha = r. pichta, el' 'Tanne'

Ebenso finden sich Pseudo-Analogonymien unter den Farbbegriffen, die heute physikalisch anhand ihrer Wellenlängen exakt bestimmbar sind:

 (125) r. sinij = kr. tamno modar 'dunkelblau'
kr. sinji = r. sizyj, serovatyj 'graublau, gräulich'
 (126) r. rusyj = kr. plav 'blond, hellbraun'
kr. rus = r. ryževatyj, ryžij 'rotblond, rot'

Aber auch in anderen stark normierten Bereichen außerhalb der Naturwissenschaften kommen solche Pseudo-Analogonymien vor, z. B. im Sport, in der Politik und in der Literaturwissenschaft:57

 (127) r. lyži = p. narty 'Skier'
p. łyżwy = r. kon'ki 'Schlittschuhe'
 (128) r. posol = p. ambasador 'Botschafter'
p. poseł = r. deputat 'Abgeordneter, Parlamentsmitglied'
 (129) a. r. povest' = p. (długie) opowiadanie '(lange) Erzählung, Kurzroman'
p. powieść = r. roman 'Roman'
b. r. povest' = sln. (dolga) pripovedka '(lange) Erzählung, Kurzroman'
sln. povest = r. skazanie, bylina 'Sage'
c. r. povest' = kr. (duga) pripovjest '(lange) Erzählung, Kurzroman'
kr. povijest = r. istorija 'Geschichte, Historie'

Einen Sonderfall stellen Pseudo-Analogonyme dar, die Bezug auf "Realien" nehmen, womit sich Vlachov/Florin (1980) ausführlich beschäftigen. In diesen Fällen ist es schwierig, in der jeweils anderen Sprache eine Entsprechung zu finden, wenn die Realie der Sprachgemeinschaft unbekannt ist (also nach Gladrow 1977: 14 "Nulläquivalenz" vorliegt), vgl. folgende Beispiele aus Vlachov/Florin (1980: 151 f. und 155):

 (130) r. buza [bu"za] 'Hirsebier (Alkoholgehalt etwa wie bei Vollbier)'
bg. boza [bu"za] 'süßliches Hirsegetränk (fast ohne Alkohol)'
 (131) r. milja = č. 0,667 míle '(alte russische) Meile (= 7 468 m)'
č. míle = r. 1,5 milii '(alte tschechische) Meile (= 11 200 m)'

Große (1998) bezeichnet solche Pseudo-Analogonymien als "faux amis culturels" und beschäftigt sich im Besonderen mit dem (deutschen und französischen) Bildungssystem. Da dieses von Land zu Land verschieden ist, unterscheiden sich auch innerhalb der Slavia beispielsweise die akademischen Titel:

 (132) a. r. doktor = p. doktor 'Doktor, Arzt'
r. doktor = p. doktor habilitowany 'Dr. habil.'
p. doktor = r. kandidat (nauk) 'Dr.'
b. r. doktorskaja dissertacija = p. rozprawa habilitacyjna 'Habilitationsschrift'
p. rozprawa doktorska = r. kandidatskaja dissertacija 'Doktorarbeit, Dissertation'
 (133) r. professor = kr. (izvanredni/redovni) profesor 'Professor'
kr. profesor = r. prepodavatel' 'Dozent; Lehrer an der Mittelschule'

 

6.3. 'Mehrdimensionale' Pseudo-Analogonymie

In Kapitel 3.5 wurde die formale Kongruenz so definiert, dass sie sowohl auf regelmäßiger Entsprechung als auch auf zufälliger Ähnlichkeit basieren kann. Deshalb kann es vorkommen, dass einem Wort in einer Sprache mehrere kongruente Wörter in einer anderen Sprache gegenüberstehen, die dem Ausgangswort ähneln. Das Problem besteht nun darin, auszuwählen, welches der Wörter die wirkliche Entsprechung ist.58 Dabei haben sich häufig formal entsprechende Wörter so weit auseinander entwickelt, dass andere Wörter zufällig eine größere formale Ähnlichkeit aufweisen. So entspricht etwa im folgenden Beispiel r. plot' nicht kr. plot, sondern kr. put:

 (134) r. plot' = kr. put 'Fleisch, Körper'
r. plot = kr. splav 'Floß'
kr. plot = r. zabor 'Zaun'

Verwechslungsgefahr birgt auch der Fall, in dem sich zu einem sehr ähnlichen Wort mit sowohl formaler als auch inhaltlicher Entsprechung ein anderes, ebenfalls ähnliches Wort gesellt, sich aber immer noch deutlicher von dem Bezugswort in der anderen Sprache unterscheidet als dessen 'wahre' Entsprechung:

 (135) r. arbuz = wr. arbuz 'Wassermelone'
wr. harbuz = r. tykva 'Kürbis'

Innerhalb der slavischen Sprachen lässt sich dieses Phänomen oft auf die Lautgesetze zurückführen, die zur Aufspaltung des Urslavischen in die Einzelsprachen führten, z. B. auf den ostslavischen Volllaut (r. polnoglasie) im Russischen:

 (136) r. glava = č. kapitola 'Kapitel'; velitel, šef 'Oberhaupt, Chef'; kopule 'Kuppel'
r. golova = č. hlava 'Kopf'
 (137) r. mraz' = sb. gad, zamazanac 'Dreckskerl'; fukara, izmet 'Pack'
r. moroz = sb. mraz 'Frost'
sb. mraz = r. izmoroz' 'Raureif'

Seltener sind Unterschiede, die auf verschiedene Wortbildung zurückzuführen sind. So wird z. B. das Wort für das Blatt einer Pflanze sowohl im Russischen als auch im Polnischen mit dem Etymon *listu gebildet, im Polnischen jedoch mit einer Ableitung auf *-ji, während das Ausgangswort list die Bedeutung 'Brief' angenommen hat:

 (138) r. list = p. liść 'Blatt (Pflanze)'; arkusz 'Blatt (Papier)'
p. list = r. pis'mo 'Brief'

Auch die unterschiedliche Vermittlung und Assimilation von Lehnwörtern kann zu solchen Situationen führen.

 (139) r. angel'skij = p. anielski 'Engels-, engelhaft'
p. angielski = r. anglijskij 'englisch'

Phonologische Unterschiede können nicht nur segmentaler Art sein, sondern auch in unterschiedlichen Akzentverhältnissen liegen:

 (140) r. deva ["d'E:\v@] = sb. deva ["de_R:va] 'Jungfrau'
sb. deva ["de_Rva] = r. verbljud 'Kamel'
 (141) r. órgan = bg. órgan 'Organ'
r. orgán = bg. órgan 'Orgel'

Dieses letzte Beispiel ist sicherlich ein Grenzfall der Pseudo-Analogonymie: Zwar kann es dazu kommen, dass ein Bulgare im Russischen órgan statt orgán sagt (oder, aus Hyperkorrektheit, orgán statt órgan), was eine andere Bedeutung hat. Jedoch besteht zwischen allen äquivalenten Wörtern eine so hohe Ähnlichkeit (was grafisch dadurch deutlich wird, dass im obigen Beispiel alle Wörter fett gedruckt sind), dass ein russischer Muttersprachler das falsch betonte Wort schnell mit dem gemeinten assoziiert – ebenso wie im Deutschen die Wörter Kaffee ["kafe:] : Café [ka"fe:] oder übersetzen : übersetzen auch mit falscher Betonung in der Regel verstanden werden. Dieser Fall muss dennoch als Pseudo-Analogonymie gewertet werden, denn der Übergang zu Fällen mit erheblich größeren Schwierigkeiten ist fließend:

 (142) r. mestnyj [-sn-] = sb. mesni 'lokal, örtlich'
r. mjasnoj = sb. mesni 'aus Fleisch, Fleisch-'

Die Grenze zwischen einem Fall wie Bsp. 141 und diesem, bei dem das kroatische Wort mesni wohl am ehesten mit r. mestnyj assoziiert wird und deshalb zu Missverständnissen führen kann, wenn r. mjasnoj gemeint ist, lässt sich nicht objektiv ziehen.

Mitunter können im Zuge der formalen Kongruenz so komplizierte Relationen entstehen wie die folgende:

 (143) r. plot' = p. ciało 'Fleisch, Körper'
r. plot = p. tratwa 'Floß'
r. plod = p. owoc 'Frucht'; płód 'Frucht (übertragend)'
p. płot = r. zabor 'Zaun'
p. płeć = r. pol 'Geschlecht'
p. płóć = r. plotva 'Plötze, Rotauge (Fisch)'

Etymologische Verwandtschaft besteht in diesem Fall lediglich zwischen r. plot' und p. płeć*pluti sowie zwischen r. plod und p. płód < *plodu. Die phonologische Ähnlichkeit zwischen diesen Formen beruht auf der größeren Nähe des russischen [t'] zum polnischen [t], das wie dieses ein Klusil ist, als zur Affrikate [t's\]; die Ähnlichkeit zwischen den Formen auf -d und denen auf -t beruht auf der in beiden Sprachen herrschenden Auslautverhärtung; p. płóć wurde wegen der in vielen Fällen regelmäßigen Entsprechung zwischen r. <o> und p. <ó> herangezogen.

 

6.4. Systemhaftigkeit der Pseudo-Analogonymie

Bereits bei den Etyma *dynja und *tyky (Bsp. 38 und 124) fiel auf, dass zwischen den verschiedenen Pseudo-Analogonymien ein Zusammenhang besteht. Dieser beruht auf der gegenseitigen Abhängigkeit zwischen den Bedeutungsveränderungen der einzelnen Lexeme: "Semantic relationships tend to remain constant, so that if one word changes meaning, it will drag along other words in the domain" (Lehrer 1985: 286). Ein Beispiel von russisch-kroatischen Pseudo-Analogonymen aus dem semantischen Bereich 'Sprache' macht dies deutlich:

 (144) a. r. govor = kr. govor 'Mundart'
kr. govor = r. reč' 'Rede'
b. r. reč' = kr. govor 'Rede'
kr. riječ = r. slovo 'Wort'
c. r. slovo = kr. riječ 'Wort'
kr. slovo = r. bukva 'Buchstabe'
d. r. bukva = kr. slovo 'Buchstabe'
kr. bukva = r. buk 'Buche'
Tab. 3: Systemhaftigkeit der Pseudo-Analogonymie
Tabelle 3

Die Systemhaftigkeit dieser vier Pseudo-Analogonymien illustriert Tab. 3. Zwar ist diese Darstellung idealisiert, da die Verwendungen der einzelnen russischen und kroatischen Wörter in Wirklichkeit komplexer sind. Jedoch lassen sich einige Überlegungen der historischen Phonologie über systematische Lautverschiebungen auch auf die historische Semantik übertragen, was im Rahmen dieser Arbeit allerdings zu weit führen würde. Festzuhalten ist aber, dass Pseudo-Analogonymie nicht nur atomistisch betrachtet, sondern dass zumindest ganze Wortfelder in Betracht gezogen werden sollten. Bisher ergab sich die Beschäftigung mit einzelnen Lexemen aus dem Ziel, Wörterbücher 'falscher Freunde' zu erstellen. Eine Ausnahme ist die Arbeit von Große (1998) über die "faux amis culturels" im Bereich der Bildung. Sie beweist, dass auch die eingehende Untersuchung eines ganzen Wortfeldes einen didaktischen Nutzen haben kann. Beispiele für solche semantischen Bereiche sind – neben den bei Plotnikau (1972: 32 f.) genannten elf verschiedenen Arten "thematischer Gemeinsamkeit" ("tematična obštnost") – Synästhesie sowie Ethnonyme und Toponyme. Diese werden in den folgenden Kapiteln 6.5 und 6.6 behandelt.

 

6.5. Synästhesie

Mit dem Terminus Synästhesie bezeichnet man in erster Linie eine poetische Stilfigur, z. B. schreiendes Rot, heiße Musik (Weidhase 1990). Es handelt sich hierbei um eine Art Metapher, die auch außerhalb der dichterischen Verwendung in der Sprache verbreitet ist und Auswirkungen auf die Entwicklung der lexikalischen Semantik hat. Überhaupt werden in vielen Sprachen (und Dialekten59) nicht alle fünf Sinneseindrücke penibel auseinander gehalten. Im Russischen etwa gibt es kein eigenes Verb für 'riechen, einen Geruch wahrnehmen', was mit čuvstvovat' zapach 'einen Geruch spüren', slyšat' nosom 'mit der Nase hören' o. ä. umschrieben wird; andere slavische Sprachen geben diese Bedeutung mit einem eigenen Verb wieder, wodurch die Entsprechungen von r. slyšat' nicht in diesem Sinne verwendet werden können.

 (145) a. r. slyšat' = p. słyszeć 'hören'
r. slyšat' = p. wąchać 'riechen, einen Geruch vernehmen'
b. r. slyšat' = č. slyšet 'hören'
r. slyšat' = č. cítit 'riechen, einen Geruch vernehmen'

Ein weiteres Beispiel für synästhetische Pseudo-Analogonymie ist das von Čongarova (1995) analysierte Paar r. čujat' 'spüren, fühlen; eine Vorahnung haben' : bg. čuvam 'hören' (dessen Bedeutungsvielfalt sich im indo-europäischen Vergleich zusätzlich auf den optischen Sinn erstreckt, vgl. die Verwandtschaft mit d. schauen, Vasmer 31996: s. v. čuju):

 (146) r. čujat' = bg. useštam, čuvstvuvam 'spüren, fühlen'; poduša 'wittern (Tier)'
bg. čuvam = r. slyšat' 'hören'; bereč' 'bewahren'

Grundsätzlich sind bei Sinneswahrnehmungen drei Arten von Verben zu unterscheiden:

  1. für die Aussendung des Reizes, z. B. 'klingen' oder 'aussehen',
  2. für die Wahrnehmung dieses Reizes, z. B. 'hören' oder 'erblicken',
  3. für die aktive Erkundung der Umwelt nach Sinneseindrücken, z. B. 'zuhören' oder 'betrachten'.

Diese Unterscheidung wird jedoch in verschiedenen Sprachen unterschiedlich durchgeführt, und so ergeben sich auch hier Pseudo-Analogonymien:

 (147) r. slušat' = kr. slušati 'zuhören'
kr. slušati = r. slyšat' 'hören, vernehmen'

Dass die Pseudo-Analogonymien im Bereich der Verben der Sinneswahrnehmungen keine slavische Besonderheit sind, zeigt eine ausführliche Untersuchung dieses Phänomens in den romanischen Sprachen bei Wandruszka (1977: 59–64).

 

6.6. Ethnonyme und Toponyme

Ein besonderes Feld innerhalb der slavischen Pseudo-Analogonymien sind die Namen der slavischen Völker. Die Nationenbildung bei den Slaven fand erst recht spät statt (hauptsächlich im 19. und 20. Jahrhundert), weswegen es auch erst spät eine Notwendigkeit für die eindeutige Bezeichnung der verschiedenen slavischen Sprachen und Völker gab.60

Da die Verständigung zwischen den Slaven in der Geschichte relativ unproblematisch war, mussten sich viele nur von den nicht-slavischen Nachbarn abgrenzen, wozu die Eigenbezeichnung aller Slaven *slověne ausreichte. Dadurch bezeichnet dieses Etymon heute – neben den Slaven insgesamt – die Slovaken, die Slovenen, die Slovinzen (eine Gruppe der Elb- und Ostseeslaven), die Slověne in der Rus' sowie das Gebiet Slavonien in Kroatien. Wie das Deutsche, so benutzen auch die slavischen Sprachen verschiedene Suffixe und Vokalfärbungen, um diese Ethnonyme voneinander zu unterscheiden, jedoch mit unterschiedlichen Ergebnissen:

 (148) a. r. slovenskij = sb. slovenački 'slovenisch'
sb. slovenski = r. slavjanskij 'slavisch'
b. r. slovenskij = slk. slovinský 'slovenisch'
slk. slovenský = r. slovackij 'slovakisch'
 (149) r. slovinskij = č. slovinský 'slovinzisch'
č. slovinský = r. slovenskij 'slovenisch'

Dasselbe gilt für den (offenbar von den Warägern übernommenen) Namen der Ostslaven *rusi, das davon abgeleitete Adjektiv *rusisku und das von der heutigen Landesbezeichnung r. Rossija abgeleitete Adjektiv:

 (150) a. r. russkij = p. ruski 'russisch, ostslavisch (bezogen auf die alte Rus')'
r. russkij = p. rosyjski 'russisch'
p. ruski = r. vostočnoslavjanskij 'reußisch, ostslavisch (bezogen auf Polen-Litauen)'
b. r. russkij = wr. ruski 'russisch (bezogen auf die Sprache, das Volk)'
wr. ruski = r. rossijskij 'russisch, russländisch (bezogen auf das Land)'
 (151) r. rossijskij = ukr. rosijs'kyj 'russisch, russländisch (bezogen auf das Land)'
ukr. rosijs'kyj = r. russkij 'russisch (bezogen auf die Sprache, das Volk)'

Dass dieses Ethnonym auch im Wort für Weißrussland (wr. Belarus') vorkommt sowie früher die Ukrainer ('Kleinrussen', auch d. Ruthenen) bezeichnete, schlägt sich nicht als Pseudo-Analogonymie nieder. Die Bezeichnung ruski jazik benutzen aber auch die Russinen für ihre Sprache (vgl. Duličenko 1998a: 126).

 (152) r. russkij = russin. vel'koruski, rosijski 'russisch, großrussisch'
russin. ruski = r. rusinskij 'russinisch, ruthenisch'

Ein weiterer mehrfach verwendeter slavischer Volksname ist *sirbu, den außer den Serben auch die Sorben benutzen. In den in dieser Arbeit behandelten Nationalsprachen werden die Sorben jedoch in der Regel nach der Lausitz benannt, so dass sich Pseudo-Analogonymien nur gegenüber dem Ober- und Niedersorbischen selbst ergeben würden.

 (153) a. r. serb = osorb. južny Serb 'Serbe'
osorb. Serb = r. lužičanin, lužickij serb 'Sorbe'
b. r. serbskij = osorb. serbiski 'serbisch'
osorb. serbski = r. (serbo-) lužickij 'sorbisch'

Außer bei Ethnonymen können auch bei anderen historischen und geografischen Eigennamen Pseudo-Analogonymien auftreten, etwa beim Namen der Stadt St. Petersburg: Dieses Toponym hatte in vielen slavischen Sprachen, deren puristische Tendenzen stärker sind als die des Russischen, schon lange vor der 1914 erfolgten offiziellen Umbenennung in Petrograd die slavisierte Form, die auch heute wieder aktuell ist (vgl.  Lilič 1998):

 (154) r. Petrograd = č. Petrohrad 'Petrograd (Name St. Petersburgs 1914–1924)'
č. Petrohrad = r. Sankt-Peterburg 'St. Petersburg (bis 1914 und seit 1991)'

Suprun (1980: 6) weist außerdem darauf hin, dass bg. Bjalo more in erster Linie die Ägäis meint (r. Égejskoe more), während r. Beloe more ausschließlich das Weiße Meer (zwischen Archangel'sk und der Halbinsel Kola) bezeichnet. Bei den Namen für die Küstenbewohner dieser Meere liegt ebenfalls Pseudo-Analogonymie vor, wobei bg. belomorec im Russischen etwa mit žitel' égejskogo poberež'ja umschrieben und r. belomorec im Bulgarischen erklärt werden müsste (was sich in einem entsprechenden Kontext eventuell erübrigt). Weitere Beispiele ließen sich auch unter den Städtenamen finden, und zwar besonders bei Städten und Dörfern mit nur regionaler Bedeutung (vgl. r. Belgorod nördlich von Char'kiv : sb. Beograd 'Belgrad' : kr. Biograd südlich von Split).

 

7. FAZIT UND AUSBLICK

Die vorliegende Arbeit hat sich exemplarisch mit einigen der vielen Fassetten des Phänomens Pseudo-Analogonymie beschäftigt. Ihr Ziel war nicht, das Problem umfassend und erschöpfend zu analysieren; das wäre auch nicht möglich gewesen. Stattdessen sollte gezeigt werden, dass es sich lohnt, die Beschäftigung mit diesem Thema auf eine linguistisch fundierte Basis zu stellen, und eine solche Basis zu schaffen. Diese besteht in erster Linie in der erarbeiteten Definition, die Abschied von der Vielzahl unter dem Oberbegriff 'falsche Freunde' behandelter Phänomene nimmt, deren Gemeinsamkeit nur in ihrer Eigenschaft als Fehlerquellen für Lernende liegt, und sich auf lexikalisch-semantische Interferenzen beschränkt. Außerdem ist die Definition rein synchronisch, was sich nicht zuletzt bei der Behandlung der 'mehrdimensionalen' Pseudo-Analogonymie als vorteilhaft erwiesen hat. Der Terminus Pseudo-Analogonymie selbst ist als Etikett geeignet, unter dem 'falsche Freunde' Zugang zur kontrastiven und historischen Sprachwissenschaft finden könnten.

Die synchronische Analyse hat Instrumente zur Einschätzung des Grades der 'Gefährlichkeit' von Pseudo-Analogonymen erarbeiten können, die von der Übersetzungsrichtung, der Relation zwischen den Bedeutungen und nur sekundär von den Bedeutungen selbst abhängt. Eine weitere Ausarbeitung dieses Gedankens könnte es auch für die Verfasser traditioneller zweisprachiger Wörterbücher interessant werden lassen, mit linguistischen Methoden als besonders 'gefährlich' bewertete Pseudo-Analogonyme speziell zu kennzeichnen.

Die Frage, inwiefern die Zahl der Pseudo-Analogonyme vom beteiligten Sprachpaar abhängt, führte zu der Annahme, dass es einen für die Entstehung von 'falschen Freunden' idealen Abstand zwischen zwei Sprachen geben muss. Eine Voraussetzung, um diese These statistisch belegen zu können, ist eine klare Definition der Pseudo-Analogonymie. Die hier vorgestellte ist dazu besonders geeignet, da sie erstmals zwischen relevanten und irrelevanten Komponenten der Bedeutung trennen kann. Zur Messung des Abstands zwischen zwei Sprachen könnte die Anzahl der bei der Zählung der 'falschen Freunde' aufgefundenen 'wahren Freunde' benutzt werden. Ließe sich die These empirisch belegen, so wäre damit ein Fixpunkt gefunden, der kontrastive Untersuchungen verschiedener Sprachpaare vergleichbar machen könnte.

Die Analyse der Pseudo-Analogonymie unter diachronischem Aspekt hat den Reichtum an unterschiedlichsten unvorhersehbaren Entwicklungsmöglichkeiten der Sprache deutlich gemacht, der zur formalen Konvergenz oder zur semantischen Divergenz und damit zur Pseudo-Analogonymie führt. Zu den interessantesten Ergebnissen zählen die Hinweise auf eine hinter der oberflächlichen Semantik der Wörter verborgene Struktur, die im Sprachvergleich scheinbar eindeutige, logische Grenzen überspringt, Gegenteile in einem Begriff vereint und neue Beziehungen im lexikalischen System der Sprache aufzeigt.

Als besonders vielversprechend sowohl für die Fremdsprachendidaktik als auch für die Linguistik hat sich die Beschäftigung mit einzelnen Gebieten des Wortschatzes, z. B. semantischen Feldern, erwiesen. Die Untersuchung der Gebiete der Sinneswahrnehmungen und der Völker- und Städtenamen ließe sich noch vertiefen, und eine Menge weiterer Gebiete sind noch zu erschließen, vielleicht auch im Hinblick auf Wortfelder mit einem besonderen Reichtum an Pseudo-Analogonymen.

 

INDEX DER BEISPIELWÖRTER

Dieser Index enthält sowohl innerslavische Pseudo-Analogonyme als auch sämtliche im Verlauf der Argumentation angeführten Beispiele aus allen Sprachen – also auch so genannte 'falsche Freunde', die im Rahmen dieser Arbeit als Pseudo-Analogonyme verworfen wurden.

Admiral (d.),   amiral (fr.),   angel'skij (r.),   angielski (p.),   anielski (p.),   arbuz (r.),   arbuz (wr.)

baba (r.),   baba (sb.),   Banane (d.),   banka (r.),   banka (sb.),   Belgorod (r.),   belizna (r.),   Beloe more (r.),   belomorec (bg.),   belomorec (r.),   Beograd (sb.),   berëzovik (r.),   bielizna (p.),   Biograd (kr.),   Bjalo more (bg.),   bjarozavik (wr.),   Blamage (d.),   bor (bg.),   bor (r.),   boza (bg.),   brak (kr.),   brak (p.),   brak (r.),   bukva (kr.),   bukva (r.),   bulka (bg.),   bulka (kr.),   bulka (r.),   butelka (p.),   butylka (r.),   buza (r.)

cadaver (e.),   cadavere (it.),   cadavre (fr.),   čajka (r.),   caldo (it.),   čas (r.),   čas (wr.),   častnyj (r.),   ček (r.),   čekati (kr.),   čelovek (r.),   čerstvý (č.),   čërstvyj (r.),   čerstvyj (ukr.),   četka (kr.),   chimija (r.),   cholod (r.),   chotel (bg.),   chotet': chotel (r.),   ciasny (p.),   cikla (kr.),   cirk (r.),   cirkus (č.),   čitat' (r.),   čitati (sb.),   čolovik (ukr.),   corn (e.),   čujat' (r.),   čuvam (bg.),   cvekla (sb.),   czajka (p.),   czas (p.),   czek (p.),   czekać (p.)

dan (sb.),   dan4 (chin.),   dance (e.),   danse (fr.),   deszcz (p.),   deva (r.),   deva (sb.),   dinja (bg.),   divan (r.),   dlan (kr.),   dlan' (r.),   do (p.),   do (r.),   dobro požalovat' (r.),   doit' (r.),   dojiti (kr.),   doktor (p.),   doktor (r.),   doktorskaja dissertacija (r.),   dožd' (r.),   duma (bg.),   duma (p.),   duma (r.),   duplja (kr.),   duplo (r.),   dvirec' (ukr.),   dvorec (r.),   dworzec (p.),   dýně (č.),   dynja (r.),   dyvan (wr.),   dywan (p.)

elcha (bg.),   embargo: sauf en cas d'embargo (fr.),   embargo: sin embargo (sp.),   étaž (r.): Zählung

federacija (bg.),   federacija (r.),   flot (r.),   flota (mk.),   Frisör (d.)

glava (r.),   golova (r.),   govor (kr.),   govor (r.),   graf (r.),   greška (bg.),   grešok: greška (r.),   grób (p.),   grob (r.),   grof (sln.),   grudast (sb.),   grudastyj (r.)

Handy (d.),   handy (e.),   harbuz (wr.),   hemija (sb.),   hlad (kr.),   hlad (sb.),   hlava (č.),   hrabia (p.)

ići: idu (sb.),   idti: idu (r.),   igra (mk.),   igrat' (r.),   ischod (r.),   iz- (r.),   izchod (bg.)

jagoda (mk.),   jagoda (r.),   jarmark (č.),   jarmarka (r.)

Kadaver (d.),   kafa (sb.),   kafe (bg.),   kal (r.),   kal (sb.),   kalt (d.),   kara (r.),   karam: kara (bg.),   kava (ukr.),   kemija (kr.),   Kina (sb.),   kino: kina (p.),   kit (p.),   kit (r.),   kofe (r.),   kor (kr.),   kor (sb.),   korica (kr.),   korica (r.),   korka (r.),   Korn (d.),   kos (p.),   krab (r.),   Krabbe (d.),   kraj (mk.),   kraj (r.),   krásny (slk.),   krasnyj (r.),   kreslo (r.),   krevet (sb.),   krevetka (r.),   Krevette (d.),   krik (bg.),   krik (r.),   kriminalist (r.),   krovat' (r.),   kryminalista (p.),   krzesło (p.)

lavar (sp.),   lazít (ung.),   lázít (ung.),   lazit' (r.),   len (sb.),   len' (r.),   lepilo (bg.),   lepit': lepilo (r.),   leto (r.),   leto (sln.),   liść (p.),   lišće (sb.),   list (p.),   list (r.),   listopad (kr.),   listopad (p.),   listopad (r.),   listva (r.),   ljubit' (r.),   ljubiti (kr.),   lug (kr.),   lug (r.),   luk (kr.),   luk (r.),   łuk (p.),   lyži (r.),   łyżwy (p.)

mač (sb.),   majka (r.),   majka (sb.),   marmur (p.),   masa (bg.),   mašina (r.),   mašina (sb.),   massa (r.),   maszyna (p.),   matč (r.),   matka (p.),   matka (r.),   meč (r.),   meč (sb.),   med (bg.),   mëd (r.),   med' (r.),   mermer (kr.),   meščanin (r.),   mesni (sb.),   mestnyj (r.),   mieszczanin (p.),   míle (č.),   milja (r.),   miš (kr.),   mjasnoj (r.),   moroz (r.),   motor (p.),   motor (r.),   mrak (č.),   mrak (r.),   mramor (r.),   mraz (sb.),   mraz' (r.),   muž (r.),   muž (ukr.),   myš' (r.)

na pravo (bg.),   naglyj (r.),   náhlý (č.),   napravo (r.),   nedelja (bg.),   nedelja (r.),   nedelja (r.),   nedilja (ukr.),   nouvelles (fr.),   novellas (sp.)

obyvatel' (r.),   obywatel (p.),   ol'cha (r.),   olovo (č.),   olovo (r.),   organ (bg.),   organ (r.),   osa (finn.),   osa (r.),   ovocie (slk.),   ovošči (r.)

palec (bg.),   palec (r.),   pamiętnik (p.),   pamjatnik (r.),   papierosy (p.),   papirosy (r.),   pár (č.),   par (r.),   pára (č.),   para (p.),   para (r.),   period (bg.),   period (r.),   pës (r.),   Petrograd (r.),   Petrohrad (č.),   pies (p.),   pisac (kr.),   pisać (p.),   pisar' (r.),   pisarz (p.),   pisat' (r.),   pisec (r.),   platáno (sp.),   płeć (p.),   płóć (p.),   plod (r.),   ploča (kr.),   ploščad' (r.),   ploštad (bg.),   plot (kr.),   plot (r.),   płot (p.),   plot' (r.),   pnut' (r.),   pod (kr.),   pod (r.),   pogan (sb.),   pogan' (r.),   pól (č.),   polden' (r.),   poljus (r.),   południe (p.),   ponos (kr.),   ponos (r.),   poseł (p.),   posol (r.),   Post (d.),   post (r.),   povest (sln.),   povest' (r.),   povijest (kr.),   powieść (p.),   primer (bg.),   primer (r.),   privetstvie (r.),   prizvyšče (ukr.),   proba (mk.),   proba (r.),   problem (p.),   problema (r.),   profesor (kr.),   professor (r.),   prošlyj (r.),   prošlyj (r.-dial.),   prostak (kr.),   prostak (r.),   prosto (p.),   prosto (r.),   prozvišče (r.),   punkt (r. in Dtld.),   punkt (r.),   put (kr.)

radius (lat.),   radius (r.),   rano (p.),   rano (r.),   razboj (bg.),   razboj (r.),   reč' (r.),   relacja (p.),   relatio (lat.),   reljacija (r.),   riječ (kr.),   rodbina (sb.),   rodina (kr.),   rodina (r.),   rodina (slk.),   roditeli (r.),   rodzice (p.),   rok (č.),   rok (r.),   rok (sb.),   rosijs'kyj (ukr.),   rossijskij (r.),   rozprawa doktorska (p.),   ruski (p.),   ruski (russin.),   ruski (wr.),   russkij (r.),   rzecz (p.)

s- (r.),   s utra (r.),   ščëtka (r.),   ščipnut' (r.),   Serb (osorb.),   serb (r.),   serbski (osorb.),   serbskij (r.),   Showmaster (d.),   šina (r.),   sled (bg.),   sled (r.),   slivki (r.),   śliwki (p.),   slovenski (bg.),   slovenski (kr.),   slovenski (mk.),   slovenski (sb.),   slovenskij (r.),   slovenský (slk.),   slovinskij (r.),   slovinský (č.),   slovo (kr.),   slovo (r.),   slušat' (r.),   slušati (kr.),   slyšat' (r.),   slyšet (č.),   słyszeć (p.),   šparit' (r. in Dtld.),   šparit' (r.),   spinnen (d.),   sreda (bg.),   sreda (r.),   srjada (bg.),   štipnuti (kr.),   Stockwerk (d.): Zählung stol (bg.),   stol (r.),   stolica (r.),   stolica (slk.),   stolica (sln.),   storona (r.),   strana (r.),   strana (slk.),   štuka (č.),   štuka (kr.),   štuka (r.),   sutra (kr.),   svëkla (r.),   šyna (ukr.),   sztuka (p.)

teatr (p.),   teatr (r.),   tęcza (p.),   tel (bg.),   telo: tel (r.),   Theater (d.),   theatre (e.),   théâtre (fr.),   tort (r.),   torta (sb.),   trup (r.),   trup (sb.),   tuča (r.),   tuča (sb.),   tuz (r.),   tuz (türk.),   tykva (r.),   tykwa (p.)

u- (kr.),   u- (r.),   urod (r.),   uroda (p.)

v (r.),   v- (r.),   vek (r.),   vešč' (r.),   voga (it.),   von' (r.),   voschod (r.),   voschod (r.-dial.),   vrag (r.),   vrag (sln.),   vrah (č.),   vrednyj (r.),   vrijedan (kr.),   vroda (ukr.),   východ (č.),   vychod (r.)

w (p.),   waschen (d.),   welcome (e.),   wiek (r.),   wieść (p.),   willkommen (d.),   Woge (d.),   woń (p.)

z- (p.),   zachód (p.),   záchod (slk.),   zapomnieć (p.),   zapomnit' (r.),   zavod (r.),   zawód (p.),   želannyj (r.),   žena (mk.),   žena (r.),   život (r.),   život (slk.),   zlodej (r.),   zloděj (č.)

 

VERZEICHNIS DER TABELLEN UND ABBILDUNGEN

Tab. 1: Liste der Termini für 'falsche Freunde'
Tab. 2: Gliederung der Homonymie nach Karpov
Tab. 3: Systemhaftigkeit der Pseudo-Analogonymie

Abb. 1: Grundmodelle der Entstehung von Pseudo-Analogonymie
Abb. 2: Komplexe Entlehnungssituation
Abb. 3: Inklusion, Exklusion und Überlappung
Abb. 4: Häufigkeit der Pseudo-Analogonymie

 

VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN FÜR SPRACHEN

bg. = bulgarisch;   č. = tschechisch;   chin. = chinesisch;   d. = deutsch;   e. = englisch;   finn. = finnisch;   fr. = französisch;   gr. = (alt)griechisch;   i.-e. = indo-europäisch;   it. = italienisch;   kr. = kroatisch;   lat. = lateinisch;   mk. = makedonisch;   osorb. = obersorbisch;   p. = polnisch;   r. = russisch;   r.-dial. = russischer Dialekt;   r. in Dtld. = in Deutschland gesprochene Variante des Russischen;   russin. = jugoslavo-russinisch;   sb. = serbisch;   slk. = slovakisch;   sln. = slovenisch;   sp. = spanisch;   türk. = türkisch;   ukr. = ukrainisch;   ung. = ungarisch;   urslav. = urslavisch;   wr. = weißrussisch;  

 

BIBLIOGRAPHISCHE ANGABEN

Verwendete Wörterbücher und Quellen

An allgemeinsprachlichen Wörterbüchern wurden in der Regel zur Suche nach Pseudo-Analogonymen zunächst kleinere Wörterbücher verwendet (z. B. die "Universalwörterbücher" von Langenscheidt oder die "PONS Praxiswörterbücher" von Klett). Die dort aufgefundenen Informationen wurden dann gegebenenfalls in umfassenderen ein- und zweisprachigen Wörterbüchern verifiziert.

Alle nicht mit Quellenangabe versehenen Beispiele stammen entweder aus diesen Wörterbüchern oder sind aus Vlček (1966), Žuravlev/Zacharov (1977), Hrabčykau (1980), Birbrajer (1987), Čemerikić u. a. (1988), Voß (2000) sowie Bunčić (1999) entnommen.

 

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Anmerkungen

* In dieser Online-Version wird das IPA durch die SAMPA-Umschriftung ersetzt; vgl. dazu die technischen Hinweise am Ende des Dokuments.

** In dieser Online-Version sind aus technischen Gründen alle kyrillischen Zitate transliteriert; vgl. dazu die technischen Hinweise am Ende des Dokuments.

1 Aus der Antwort auf eine Frage nach der ukrainischen Sprachsituation bei einer Lesung des russischen Schriftstellers aus der Ukraine am 11. Mai 2000 in Köln.

2 Erfahrungsgemäß sprechen in deutschen Gymnasien besonders die polnischen Kinder häufig kein Standardpolnisch, sondern nur Dialekte.

3 Plotnikau (2000) führt eine Reihe außersprachlicher Gründe für die Verdrängung des Weißrussischen durch das Russische an. Ein Grund, Weißrussisch in dieser Arbeit dennoch zu berücksichtigen, ist die Annahme, dass eine zu erhoffende (und nach Lorenz 2000 vielleicht schon bald zu erwartende) erneute Demokratisierung der Republik Weißrussland vermutlich auch in der Sprachpolitik (ebenso wie z. B. bei den nationalen Symbolen) an den Zeitraum von 1990 bis 1995 anknüpfen wird, in dem die weißrussische Sprache einen Aufschwung erlebte. In westlichen Publikationen, die nicht von der offiziellen Linie der weißrussischen Regierung abhängig sind (z. B. auch Lorenz 2000), setzt sich die Verwendung der weißrussischen Namensformen, z. B. Lukašenka statt russisch Lukašenko, immer mehr durch.

4 Im Übrigen gilt noch heute, was Rehder (31998: 11) vor zwei Jahren über das Bosnische (bosanski jezik, genauer bošnjački jezik 'Bosniakisch') formulierte: "Ob und wie es sich tatsächlich als dritte Nachfolgesprache des Serbokroatischen zu einer modernen slavischen Standardsprache entwickeln wird, ist trotz einiger in diese Richtung zielender Publikationen auch Mitte 1998 noch unklar".

5 Die unterschiedliche Verwendung des Asterisks (*) in der diachronischen Sprachwissenschaft im Sinne von 'rekonstruiert' und in der synchronischen Linguistik mit der Bedeutung 'ungrammatisch' könnte in der vorliegenden Arbeit, die beide Aspekte berücksichtigt, zu Missverständnissen führen: Im einen Fall wird eine Form bezeichnet, die es vermutlich gegeben hat, im anderen Fall eine, die es sicher nicht gibt. Daher wird in dieser Arbeit für 'rekonstruiert' ein ursprünglich aus dem beschränkten Zeichensatz der Schreibmaschine geborenes Allograph des Asterisks verwendet, das hoch gestellte Pluszeichen (+).

6 Um ihrer Kürze willen werden in der gesamten Arbeit grammatisch männliche Formen wie Linguisten im Sinne einer geschlechtsneutralen Form verwendet.

7 Wenn keine Seite angegeben ist, tragen die genannten Werke den Ausdruck im Titel.

8 Dieser Fall wird von Hönig/Kußmaul (1982: 88 f. und 95) ausführlich unter übersetzungstheoretischem Aspekt analysiert. Rundle (1946: 22) nennt – neben einer Reihe weiterer anekdotenhafter Fehlübersetzungen – die Details dieser Verwechslung, die offenbar auf einen Artikel in der Times vom 23. April 1917 zurückzuführen ist; dort wurde Kadaververwertungsanstalt mit corpse exploitation establishment übersetzt.

9 Diese Meinung und das damit verbundene Desinteresse am Thema dieser Arbeit erfuhr ich im Herbst 1999 am Lehrstuhl für literarisches Übersetzen des Moskauer Gor'kij-Literaturinstituts. Sehr interessiert und hilfsbereit zeigte sich hingegen der Leiter des Lehrstuhls für russische Sprache und Stilistik, Prof. Dr. Lev Ivanovič Skvorcov.

10 Wegen der Kürze und Einheitlichkeit im Text werden die Begriffe Serbisch und Kroatisch auch dann verwendet, wenn aus historischer Perspektive die serbische bzw. kroatische Variante des Serbokroatischen gemeint ist.

11 Einen folgenschweren Fall eines anderen in allen Wörterbüchern abgedruckten 'falschen Freundes' im Zusammenhang mit der deutschen Besetzung des Rheinlandes 1936 nennt Rundle (1946: 23 f.): Für d. alsbald geben die Wörterbücher (bis heute) ausschließlich f. aussitôt an, das aber 'sofort, unverzüglich' heißt und nicht 'demnächst, so bald wie möglich'.

12 Das wohl berühmteste Beispiel für einen solchen Lapsus mit Millionenpublikum war die Leuchtschrift bei der Schlusszeremonie der olympischen Winterspiele 1976 in Innsbruck: "GOOD BYE IN LAKE PLACID" statt z. B. See you again in Lake Placid für 'Auf Wiedersehen in Lake Placid' (vgl. Hönig/Kußmaul 1982: 9 f.).

13 Diese Beispiele basieren auf Eigenbeobachtungen in London und Köln (beide 1999).

14 Diesen Ausdruck benutzt Henning Westheide (1997) als Titel seines Buchs über "Niederländisch-deutsche Beziehungen in Geschichte, Sprache und Kultur" in Anlehnung an Soeteman (1978: 14), der in einem ähnlichen Zusammenhang von "de bedriegelijkheid der verwandtschap" ("dem Trügerischen der Verwandtschaft") spricht (zitiert nach Westheide 1997: 79).

15 Diese beiden Begebenheiten schilderten Rustam Adutov (Dozent an der Juristischen Fakultät der Universität Perm') und Dr. Monika Skibicki (Dozentin für Polnisch am Slavischen Institut der Universität zu Köln) aus ihrer persönlichen Erfahrung.

16 Die Tücke solcher struktureller Details zeigt die Tatsache, dass das Wörterbuch russisch-serbischer 'falscher Freunde' von Čemerikić u. a. (1988: s. v. mermer) das russische Wort fälschlich mit marmor angibt.

17 Die in Kap. 2 zitierte Anekdote, in der sp. Casablanca statt mit d. Casablanca mit Weißes Haus übersetzt wurde, ist ein Beispiel für diesen Effekt.
Sogar in einer linguistischen Arbeit zur Äquivalenz ist ein solcher Fall zu finden: Kotorova (1997: 461) behauptet, die Wiedergabe von r. pjatiétažnyj mit d. fünfstöckig sei falsch, es müsse vierstöckig heißen. Dies ist eine Übergeneralisierung einer bekannten Pseudo-Analogonymie:

r. 5-yj étaž = d. 4. Stock
d. 5. Stock = r. 6-oj étaž

Obwohl die Nummerierung der Etagen in Deutschland ein Stockwerk höher beginnt als in Russland, bleibt die Gesamtzahl der Etagen ein- und desselben Hauses gleich, unabhängig von der Sprache. Ein Haus mit zwei Stockwerken (einem Erdgeschoss und einem Obergeschoss) wird auf Deutsch nicht als einstöckig und ein Bungalow nicht als +nullstöckig bezeichnet.
Dieser Fehler findet sich auch in Wörterbüchern, z. B. bietet der NROS (1992) als Übersetzung für zweistöckig ausschließlich das falsche trëchétažnyj an (neben dvuch"jarusnyj z. B. für Brücken), während der RNOS (1989) dem Benutzer bei dvuchétažnyj die Wahl zwischen dem falschen einstöckig und dem richtigen zweigeschossig lässt (ohne ihm Anhaltspunkte für die Auswahl zu geben).

18 In einem Gespräch mit Anatolij Fedorovič Žuravlev vom Institut für Slavistik und Balkanistik der Russischen Akademie der Wissenschaften machte ich selbst diese Erfahrung. Da ich den Ausdruck ložnye druz'ja verwendete, benötigte ich rund 20 Minuten, um Žuravlev verständlich zu machen, dass es mir um diese didaktische Ausrichtung nicht ging.

19 Da Braun u. a. (1990) versuchen, die theoretischen Grundlagen für eine "Inter-Langue" zu legen, bezeichnen sie folgerichtig auch jene häufigen Fälle als "Inter-Homonymie", in denen in den Einzelsprachen lediglich Homophonie oder Paronymie vorliegt, z. B. e.  golf, fr. golf 'Golfspiel' und e. gulf, fr. golfe 'Meerbusen' (Braun 1990: 27).

20 Diese Symbole zitiert Haschka (1989: 150). In einer späteren Arbeit benutzt Reiner (1989) zwar weiterhin den Terminus pénidentemes, geht aber auf die Symbole nicht weiter ein, sondern unterscheidet zwischen faux amis und vrais amis.

21 Hengst (1977: 252) formuliert diesen Vorschlag mehr als vorsichtig: Die nicht bedeutungsgleichen Analogonyme "könnte man auch 'Pseudoanalogonyme' nennen" (man beachte die Anführungszeichen). Offenbar schreckte ihn die Unübersichtlichkeit dieses langen Fremdworts. Durch die Möglichkeit der neuen Rechtschreibung, Zusammensetzungen mit Bindestrich zu gliedern, wird Pseudo-Analogonym überschaubar und ist zudem kürzer als interlinguale Homonyme und Paronyme oder die in der Einleitung zitierten Ausdrücke mit ähnlichem Klang, aber verschiedener Bedeutung.

22 Wo keine Missverständnisse entstehen können, wird zur Vermeidung von Wiederholungen auch weiterhin der Ausdruck falscher Freund synonym verwendet.

23 Dabei gibt es in Gestik und Mimik durchaus Anlass zu Verwechslungen. Elke Becker (41992: 41) erwähnt beispielsweise, dass ein von einem deutschen Tramper ausgestreckter Finger in Russland höchstens als 'Gute Fahrt!' verstanden würde. Stattdessen muss man dort den Arm gerade ausstrecken, damit ein Auto anhält. Ein weiteres Beispiel wäre, dass Bulgaren im Gegensatz zu den anderen Slaven mit dem Kopf nicken, um eine Frage zu bejahen.

24 Dennoch kann diese Arbeit aus praktischen Gründen natürlich nicht alle diese Beziehungen bearbeiten, weshalb sie sich – wie bereits in der Einleitung erklärt – auf lebende, kodifizierte und als Staatssprachen anerkannte Idiome beschränkt.

25 Ein Sonderfall sind (etymologisch verwandte) feste Verbindungen, die in einer Sprache als ein Wort wahrgenommen werden, in der anderen jedoch noch als Zusammensetzung, z. B. r. s utra 'morgens, am Morgen' : kr. sutra 'morgen'. Da eines der Analogonyme jedoch ein einzelnes Lexem ist, sollten diese Fälle einbezogen werden.

26 Auf die mangelnde Übersichtlichkeit ist es wohl zurückzuführen, dass sich in der Beschriftung der Grafik zur zwischensprachlichen Homonymie (Karpov 1998: 61) zwei Fehler finden (in Subsystem 5 "– + +" statt "– + –" und in Subsystem 6 "– – –" statt "– – +").

27 Neben dem Ko-Text würde hier natürlich auch der Kontext klar machen, dass etwa ein auf der Straße angesprochener Fußgänger nicht nach China unterwegs sein kann. Die Funktion des Kontextes lässt sich aber nicht verallgemeinern oder für sämtliche Verwendungsweisen eines Lexems voraussehen.

28 Volmert (1990: 51) weist darauf hin, dass das Kriterium der Wortart z. B. bei isolierenden Sprachen kaum anwendbar ist. In diesen Fällen wäre die Beschränkung fallen zu lassen, da hiermit auch das Verwechslungspotenzial steigt.

29 Die Bezeichnungen Translativ und Illativ sind der Finnougristik entlehnt; im Finnischen bezeichnen sie eigene Kasus.

30 Eine ähnliche Überlegung findet sich auch bei Žuravlev/Zacharov (1977: 5):

Sojuzy i predlogi privedeny tol'ko v porjadke isključenija, tak kak ich različija nosjat dostatočno složnyj charakter, opredeljaemyj različijami grammatičeskoj sistemy oboich jazykov.
Übers.: Konjunktionen und Präpositionen sind nur ausnahmsweise aufgeführt, da ihre Unterschiede von recht komplizierter Art sind, die durch die Unterschiede im grammatischen System beider Sprachen bedingt ist.

31 Diese Verwandtschaft ist folgendermaßen zu erklären: r. pnut' < urslav. *pin-ą-ti < i.-e. *pin-; dazu mit Präfix s- d. spinnen, wobei der beiden Wörtern zugrunde liegenden Bedeutung wohl das ebenfalls verwandte, aber ablautende d. spannen am nächsten kommt (vgl. auch Vasmer 31996: s. v. pnu).

32 Bg. masa 'Tisch' ist entlehnt aus lat. mensa 'Tisch', kr. kor aus fr. corps bzw. gr. choros 'Tanzplatz; Tanz; Chor'. Zur Etymologie der russischen Wörter siehe Vasmer (31996: s. v. massa, par, para, brak I, brak II).

33 Ein Beispiel für ein Homophon, das wegen der identischen Lautung zu einer schriftlichen Fehlübersetzung führte, ist der wohl am häufigsten abgeschriebene auf einer Pseudo-Analogonymie beruhender Übersetzungsfehler der Geschichte: Im Mittelalter waren gr. kamelos 'Kamel' und kamilos 'Schiffstau' zu Homophonen geworden (beide etwa ["kamilos]), weshalb die irischen Bibelübersetzer das ihnen unbekannte Wort kamilos für einen Schreibfehler hielten und mit dem ihnen vom lateinischen camelus bekannten 'Kamel' übersetzten, das seitdem in Mt 19:24, Mk 10:25 und Lk 18:25 anstelle des Schiffstaus leichter durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher in das Reich Gottes (vgl. Haefs 91998: 88).

34 Auf der Unfähigkeit von Nicht-Muttersprachlern, bestimmte Phonemoppositionen auseinander zu halten, beruhen zahlreiche Witze, z. B. der beliebte russische Witz über einen Esten (wahlweise auch einen Georgier oder Deutschen), der sich wundert, dass es im Russischen für 'Kirche' (sobor), 'Zaun' (zabor) und 'Verstopfung' (zapor) nur ein Wort +sapor gebe. Eine Parallele dazu im Englischen ist die bekannte Geschichte "The Italian who went to Detroit" (in: Hanewald 1991: 74), in der ein Italoamerikaner (der keine Vokalquantitäten unterscheidet) piss statt piece, fuck statt fork und shit statt sheet ausspricht.

35 Dies ist das Ergebnis eines Experiments im Seminar "Die Semantik einiger kroatischer Verben" von Zrinka Jelaska (Universität Zagreb), gehalten im Wintersemester 1998/99 am Slavischen Institut der Universität zu Köln. Die dem Deutschen entsprechenden Assoziationen des russischen Verbs haben die Zuhörer des am 14. März 2000 in St. Petersburg gehaltenen Vortrags "Psevdo-analogonimija: 'Ložnye druz'ja' kak edinica sopostavitel'noj leksikologii" (Bunčić 2000) bestätigt.

36 Hans-Georg Gadamer berichtet in diesem Zusammenhang in seinem Vortrag "Die Vielfalt der Sprachen und das Verstehen der Welt" (SWR-Fernsehen Südwest 3, 13. Februar 2000, 09:00–09:45 Uhr in der Reihe Tele-Akademie) aus seiner Erfahrung als Rektor der Universität Leipzig, dass es bei Verhandlungen mit Russen am wichtigsten gewesen sei, den Übersetzer zu überzeugen. Wenn dieser von der Sache überzeugt sei, werde er – anstatt dem Wortlaut getreu zu übersetzen – schon das Richtige sagen.

37 Dass selbst der Begriff Phonem unterschiedlich verstanden wird, hängt nicht von der Sprache, sondern von der wissenschaftlichen Ausrichtung ab.

38 In diesem Zusammenhang ist jedoch zu betonen, dass diese Feststellung sich lediglich auf die verwendeten Ausdrucksmittel bezieht. Grundsätzlich hat jede Sprache die Möglichkeit, alles auszudrücken, was in anderen Sprachen auszudrücken ist. Die oft angeführten großen Unterschiede – etwa bei den angeblich unzähligen Eskimo-Wörtern für Schnee – sind lediglich ein Mythos (vgl. hierzu Pullum 1991).

39 Diese Definition der Pseudo-Analogonymie wurde noch vor der Fertigstellung der vorliegenden Arbeit in russischer Sprache am 14. März 2000 auf der "29. interuniversitären wissenschaftlich-methodologischen Konferenz für Dozenten und Doktoranden" in St. Petersburg vorgestellt. Die letzte Modifizierung aufgrund der lexikalischen Lücken beruht aber auf späteren Überlegungen, so dass im Bericht der Konferenz (Bunčić 2000) Pseudo-Analogonyme noch als formal kongruente Wörter definiert sind, "für deren lexikalische Bedeutungen in der Übersetzungssprache aber ein genaueres Äquivalent existiert" ("dlja č'ich leksičeskich značenij, odnako, v jazyke perevoda suščestvuet bolee točnyj ékvivalent").

40 Malachovskij (1990: 21 ff.) nennt als drei weitere (untergeordnete) Ursachen für Homonymie die Homonymisierung von Paronymen, das Auftreten von Homonymen durch Abbreviation und die bewusste Ausnutzung von Homonymen bei der Bildung von Akronymen. Diese Ursachen sind für Pseudo-Analogonymie jedoch nur insofern wichtig, als Homonyme innerhalb einer Sprache häufig in einer Vergleichssprache nur einem Teil des Homonympaares entsprechen (vgl. Kap. 3.5).

41 Zusätzlich bringt die Etymologie noch die Bedeutung 'Quitte' als mögliche gemeinslavische Entlehnung aus gr. kydónia mála (über lat. cydonea und eine Frühform *kudynja) ins Gespräch. Im Kroatischen steht dinja 'Honigmelone' neben dunja 'Quitte', das mit Sicherheit aus dem Lateinischen entlehnt ist (vgl. Skok 1971–74: s. v. dinja).

42 Diese Bedeutungsübertragungen haben Analogien in vielen europäischen Sprachen und gehen wohl letztendlich aufs Griechische und Lateinische zurück; so bezeichnet schon gr. kathédra 'Stuhl' (die Quelle für r. kafedra) auch den Lehrstuhl, im Lateinischen als cathedra den Bischofssitz (vgl. auch lat. sedes 'Stuhl; Thron; Heimat' und d. Amtssitz des Bundespräsidenten).

43 Vasmer (31990: s. v. divan) vermutet, dass diese übertragene Bedeutung aus einer westlichen Sprache (z. B. Französisch) übernommen sei; im heutigen Türkisch bedeutet divan neben 'Staatsrat' und 'Gedichtsammlung' (vgl. Goethes "Westöstlichen Diwan") jedoch ebenfalls 'Sofa, Couch, Diwan'.

44 Budagov (1963: 242) spricht von einer "linguistischen Hölle" ("lingvističeskij ad"), die entstehen würde, wenn jede Lautung genau eine Bedeutung hätte; mit diesem Ausdruck beruft er sich auf Jespersen, allerdings ohne genaue Quellenangabe.

45 Die aktive Anwendung solcher Wörter in der Annahme, dass es 'das Wort in der anderen Sprache sicher auch gibt', ist völlig unabhängig von der Tatsache, dass in der betreffenden Sprache tatsächlich zufällig ein kongruentes Wort existiert. Vielmehr handelt es sich hierbei um dasselbe Phänomen wie bei den in Kap. 3.1.3 behandelten Barbarismen.

46 Das russische Wort duma verfügt zusätzlich über die veraltete Bedeutung 'Gedanke', ist der Terminus für ein bestimmtes ostslavisches (besonders ukrainisches) Volkslied und bezeichnet auch andere Parlamente außer der Staatsduma (Gosudarstvennaja duma). Alle diese Bedeutungen sind jedoch erheblich seltener als die oben angegebene.

47 Im Unterschied zur Polysemie oder Mehrdeutigkeit (r. mnogoznačnost') spricht Čongarova (1992: 78) hier von "širokoznačnost'", was man mit "Weitdeutigkeit" oder "Eurysemie" (zu gr. eurýs 'breit, weit') übersetzen könnte.

48 Schatte (1990: 89) benutzt den Begriff Inklusion jedoch im Sinne der "Bedeutungsbreite". Für die Inklusion im Sinne des Bedeutungsumfangs benutzt er "Privativität" (1990: 88).

49 Čemerikić u. a. (1988: s. v. torta) übersetzen sb. torta ins Französische mit tarte, r. tort hingegen mit gâteau a la creme. Die russisch- deutschen Wörterbücher (z. B. NROS 1992 und RNOS 1989) geben d. Torte als einzige Übersetzung für r. tort und umgekehrt.

50 Im Prostoreč'e und in vielen Dialekten bzw. regional gefärbten Umgangssprachen kann das russische Wort baba die gleichen Bedeutungen haben wie die serbische Entsprechung.

51 Zu Argumenten gegen eine Beschäftigung mit kleinen "Kernwortschätzen" oder einzelnen Texten vgl. Žuravlev (1994: 37 und 44–46).

52 Die Annahme solcher 'linguistischer Antipoden' ist lediglich eine theoretische Überlegung; in der Praxis scheinen solche Extremfälle nicht zu existieren, so dass die These, es gebe kein Sprachpaar ohne 'falsche Freunde' (Kap. 5.3.1), weiterhin Gültigkeit hat. Allerdings lässt sich diese Vermutung bei sechs Millionen Sprachpaaren (wenn man von nur 2500 Sprachen ausgeht und die Dialekte außer Acht lässt) kaum empirisch beweisen.

53 So ergab Žuravlevs Untersuchung der slavischen Verwandtschaftsbeziehungen (1994: 255) mit der Methode der Lexikostatistik ein anderes Bild als die statistische Analyse der historischen Lautlehre von Čekman/Širokov (1962, dargestellt in Žuravlev 1994: 212).

54 Diese Grafik ist eine vereinfachte Darstellung, die in keiner Weise mathematisch verstanden werden darf: Beispielsweise wurde zur besseren Anschaulichkeit anstelle einer Konvergenz gegen Unendlich ein 'Unendlich-Punkt' eingetragen, um die beiden einander entgegengesetzten Faktoren als Geraden zeichnen zu können.

55 Ausführlich mit diesem Phänomen beschäftigt sich die Dissertation von Ol'ga Smirnova (1976).

56 Für die Grundbedeutung 'stark' spricht auch die etymologische Verbindung zu gr. kratýs 'stark' (Vasmer 31996: s. v. čërstvyj).

57 Ein weiteres frappierendes Beispiel sind die slavischen Monatsnamen, die im Russischen aber nur noch in Dialekten erhalten sind und daher nicht zum Thema dieser Arbeit gehören. In Bsp. 51 wurde bereits *listopadu angesprochen. Die meisten der im Weißrussischen, Ukrainischen, Polnischen, Tschechischen und Kroatischen noch gebräuchlichen Monatsnamen bezeichnen in einer jeweils anderen Sprache einen anderen Monat, z. B. č. květen 'Mai' : p. kwiecień 'April' (zu weiteren Beispielen siehe Bunčić 1999). Dieselbe Verwirrung findet sich bei den russischen Dialekten, vgl. auch *sěčini, das bei Zvezdova (1995: 119 f.) als r. dial. sečen 'Januar' und als altrussisch sečen' 'Februar' verzeichnet ist.

58 Ähnliche Sonderfälle der "false friends" bezeichnet Breitkreuz (1992: 150–185) nach Hawkes (1976) als "terrible twins", Barnickel (1992: 63) nennt sie "Dubletten".

59 Während das Hochdeutsche sehen, hören, riechen, schmecken und spüren trennt, heißt z. B. im Schweizerdeutschen schmöcke ["Sm9kX@] sowohl 'schmecken' als auch 'riechen'.

60 In einigen slavischen Kleinsprachen besteht diese Notwendigkeit bis heute nicht. Daher bezeichnen sich die Sprecher des Westpolessischen lediglich als tutejszy 'Hiesige' (Luft 1998: 141), Sprecher des Resianischen sagen rumunit po nas 'auf unsere Art sprechen' (Duličenko 1998b: 246), und Sprecher des Molise-Slavischen bezeichnen ihre Sprache ausschließlich als naš jezik 'unsere Sprache' (Breu 1998: 274).

 

Technische Hinweise zur Darstellung der verschiedenen Schriften und Sonderzeichen

Wegen der technischen Beschränkung auf den Windows-1250-Zeichensatz ("Central European") sind die kyrillische und griechische Schrift der Seminararbeit transliteriert, wobei <i> und <u> für die reduzierten Vokalbuchstaben stehen, <ą> für den hinteren Nasalvokal im Urslavischen, <é> für das e oborotnoe und <u> für das u mit Breve im Weißrussischen.

Im Griechischen wird die Akzentstelle unterschiedslos durch Akut wiedergegeben, für Eta und Omega stehen unterstrichene <e> und <o>.

Bei serbischen und kroatischen Akzentuierungen war zusätzlich zur slavistischen Darstellungsweise bereits in der gedruckten Version der Arbeit meist die IPA-Umschriftung beigefügt, so dass in der Online-Version die slavistischen Diakritika ersatzlos wegfallen konnten.

Nicht darstellbare Diakritika in nichtslavischen Sprachen (z. B. im Französischen und Italienischen, insbesondere Gravis und Zirkumflex) werden durch Unterstreichung wiedergegeben.

Das Zeichen für 'ungleich' ist hier <>, das Zeichen für 'entspricht' ~.

Für die phonetische Transkription wird das zum IPA kompatible SAMPA (incl. der Erweiterungsvorschläge X_SAMPA) benutzt. Übersichten über das Zeicheninventar finden Sie (nach Sprachen geordnet) auf der SAMPA-Homepage sowie (in der Anordnung der üblichen IPA-Tabellen) im Metzler Lexikon Sprache, Hg. Helmut Glück, Stuttgart/Weimar 22000, S. 592—594.

© 2000 by Daniel Buncic
HTML-Konvertierung 01.02.2001