Daniel Buncic (für Aussprache klicken)
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Sprw. Proseminar
Slavische Schriftsysteme
(Synchronie und Diachronie)

Sommersemester 2002
2 St., Di 13-15, Slavistisches Seminar
Beginn: 23. 4.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die der Linguistik im heutigen Sinne den Weg ebneten, war die, dass Geschriebenes nicht unmittelbar Gesprochenes wiedergibt. Die folgerichtige strikte Unterscheidung zwischen Lauten und Buchstaben hatte jedoch zur Folge, dass die Sprachwissenschaft bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts dem lautlichen Ausdruck eindeutige Priorität einräumte und den schriftlichen Ausdruck vernachlässigte. In den letzten Jahren hat sich durch die Beschäftigung mit der Schrift als einem selbständigen Subsystem der Sprache ein spannendes Feld (wieder) aufgetan. Besonders interessant ist diese Entwicklung für die Slavistik: Zum einen warten viele im Rahmen von Germanistik und Anglistik gewonnene Theorien derzeit noch darauf, auf die slavischen Schriftsysteme angewandt zu werden; zum anderen hat die Erforschung der Herkunft und Entwicklung der kyrillischen und glagolitischen Schrift eine lange Tradition.

Der Seminarablauf ist so geplant, dass zunächst Geschichte und Vorgeschichte der slavischen Schriften behandelt werden (von der Erfindung der Schrift in Mesopotamien und des Alphabets in Griechenland über Kyrill, Kliment, Hus und Peter bis zu den heutigen slavischen Orthographien) und dadurch in einem Zug auch eine Typologie der Schriftsysteme erarbeitet wird. Im Zusammenhang der Typologie wird auch auf den Stellenwert solcher Zeichensysteme wie Piktogramme, Computerkodierungen oder Gebärdensprache einzugehen sein. Im zweiten Teil des Semesters sollen verschiedene Aspekte moderner graphematischer Theorien synchron auf die slavischen Alphabete angewandt werden.

Proseminarscheine werden für regelmäßige, aktive Teilnahme am Seminar und eine Hausarbeit vergeben, über deren erste Ergebnisse ein kleines Referat zu halten ist. Themen für diese Arbeit werden in der ersten Sitzung vergeben, können aber auch schon während der Feriensprechstunden "reserviert" werden.
Für Teilnahmescheine im Rahmen des Schwerpunktstudiums Region Südosteuropa sollte sich die aktive Teilnahme besonders auf Südosteuropa konzentrieren - am besten in Form eines kurzen Referats.

Seminarplan

23.04.

Präliminarien
Vergabe der Referatthemen
Einführung: Was ist Schrift?
Piktogramme, Bilderschrift

30.04.

Die Vinèa-Schrift
Das Rebus-Prinzip: Wortschrift (Keilschrift, Chinesisch)
Das akrophonische Prinzip: Silbenschrift (Japanische Kana, Linear B)

07.05.

Konsonantenschrift (Phönizisch, Arabisch)
Das Alphabet: Griechisch

14.05.

Hinweise zur Anfertigung von Hausarbeiten und Referaten
Einführung ins Glagolitische

 
- Pfingstferien -
Lernen des glagolitischen Alphabets, Transliterationsaufgaben
28.05.

Die Entstehung der Glagolica (Ref. Diana Hüther)
Runde und eckige Glagolica

04.06.

Die Anfänge der Kyrillica (Ref. Evguenia Zolotoukhina)
Kyrillisch für Altkirchenslavisch und die weitere Entwicklung bis zum Neukirchenslavischen

11.06.

Die Alphabetreform Peters des Großen (Ref. Irina Doronina)
Die Entwicklung der ukrainischen Orthographie (Ref. Natalija Degtjarjova)

18.06.

Die Alphabetreform Vuk Karadžiæs
Die Entstehung des lateinischen Alphabets und erste Anwendungen auf slavische Sprachen (am Beispiel des Kroatischen)
Synchrone Beschreibung der tschechischen Orthographie (Ref. Dorothee Winnen)
Jan Hus und die tschechische Orthographie (Ref. Swetlana Frank)

25.06.

Grundbegriffe der Graphemtheorie
Verschriftungen des Polnischen bis ca. 1550 (Ref. Monika G¹sienica-Józkowy)

02.07.

Die polnische Orthographie seit ca. 1550 (Ref. Svenja Hecklau)
Die russische Orthographie im 20. Jahrhundert (Ref. Elena Ebaouer)
Latinisierungsversuche im Russischen (Ref. Anna Pertseva [ausgefallen])

09.07.

Die kyrillische Schrift in nichtslavischen Sprachen (Ref. Joanna Wo³yniec)
Transliterationen und Transkriptionen zwischen lateinischer und kyrillischer Schrift (Ref. Helena Reiser)
Russische Gebärdensprache (Ref. Julia Wolter)
Das Alhamijado-Schrifttum in Bosnien

16.07.

Meta-Schrift: Digitalisierungen (Morse-Alphabet, Telex, Computer), Blindenschrift (Braille), Flaggenalphabet u. ä.
Russische Stenographie (Ref. Irina Saratova [fällt aus]).
Interpunktion
abschließende Seminarbesprechung mit Feedback

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© Daniel Buncic, letzte Änderung: 15.07.2002