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Verfälschte Beispiele
Das nichts Sagende / SZ vom 24./25. Juli

Die neue Rechtschreibung ist trotz einiger Schwächen viel besser, als Reinhard Markner sie darstellt. Vor allem aber war die alte Rechtschreibung viel schlechter als ihr Ruf. Hier einige Klarstellungen:

Markners Behauptung, nach neuer Rechtschreibung sei die Trennung Demok-ratie möglich, ist purer Unfug. Nach Paragraf 111 des Regelwerks ist dieses zusammengesetzte Wort natürlich auch weiterhin Demo-kratie zu trennen; so steht es auch im Duden. Paragraf 112, der neben altem Heliko-pter nun auch Helikop-ter zulässt, weil vielleicht nicht jeder weiß, dass pteron auf Griechisch 'Flügel' heißt, gilt hier nicht, weil wegen Demographie, Demoskopie, Autokratie, Bürokratie usw. für jeden der deutschen Sprache Mächtigen auch ohne Griechischkenntnisse sehr gut zu erkennen ist, dass das Wort aus Demo- und -kratie zusammengesetzt ist.

Das Trennungsbeispiel Buche-cker statt Buch-ecker ist verzerrend, da der Duden seit jeher empfiehlt, "Trennungen, die zwar den Vorschriften entsprechen, aber den Leseablauf stören" (z.B. Spargel-der statt Spar-gelder, beste-hende statt be-stehende) zu vermeiden. Die neuen Trennungsmöglichkeiten geben dem Schreibenden lediglich mehr Freiheit, und alle "alten" Trennstellen bleiben weiterhin möglich, z.B. In|s|t|ru|ment: Hier kann man sich unter den vier Trennstellen eine aussuchen. Niemand zwingt jemanden, Ins-trument zu trennen, aber er braucht auch keine Lateinkenntnisse mehr, um hier einen Trennfehler zu vermeiden.

Das verfälschte Beispiel "Er traf sich mit meiner Schwester und deren Freundin war auch mitgekommen" entstammt Paragraf 73 der amtlichen Regelung, der ein Komma vor und ausdrücklich empfiehlt. Es ist also falsch, dass Lehrer die Setzung des hier in der Tat bitter nötigen Kommas nicht unterrichten dürften. Man hat lediglich zu Recht davon abgesehen, aus dem Setzen des Kommas zur Verdeutlichung eine obligatorische Ausnahme zu machen (deren genaue Definition mehr Probleme als Nutzen bringen würde), und dies als Kann-Regel formuliert.

Obligatorische und alles verkomplizierende Ausnahmen gab es nämlich in der alten Rechtschreibung viel zu viele. So wurde eine Zeitlang zwar in der Tat zusammengeschrieben, aber einige Zeit lang auseinander (ähnlich bei Handvoll beziehungsweise Hand voll). Man musste in bezug auf zwar mit einem kleinen bezug schreiben, unter Bezug auf aber immer schon groß. Zwar hatte die viel besprochene (nach alter Rechtschreibung war je nach Nuance entweder nur vielbesprochene oder nur viel besprochene richtig) Schiffahrt nur zwei f, die Schlifffläche aber drei - jawohl, so etwas gab's auch damals schon! Aber nur wenn nach dem letzten f noch ein Mitlaut folgte. Das Ballettheater schrieb man aber nur mit zwei t, obwohl h ein Mitlaut ist. (Wenn man die Schiffahrt trennen musste, bekam sie übrigens schon immer ihr drittes f zurück: Schiff-fahrt.) Ist das logisch? Logisch ist auch nicht, dass man statt radfahren nicht Rad fahren, aber statt Auto fahren nicht auch autofahren schreiben durfte.

Wer die Rückkehr zur alten Rechtschreibung fordert, muss sich klar darüber sein, dass das auch die Wiedereinführung solcher verkorkster Regeln bedeuten würde, die hundert Jahre lang verschlimmbessert worden sind. So stammt die Regel "Trenne nie das s vom t, denn es tut ihnen weh" noch aus Zeiten der Frakturschriften, als st zusammen auf einer Letter, einer Ligatur, untergebracht waren. Mir jedenfalls ist eine Regelung, die mir Dinge erlaubt, die ich nicht will (etwa Spagetti neben Spaghetti), lieber als eine, die mir Dinge verbietet, die ich will (zum Beispiel Business; alt nur Busineß).

(Süddeutsche Zeitung, 16.08.2004, S. 19)

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© Daniel Buncic, letzte Änderung: 09.12.2004