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Zu "Deutsch
for sale"
von Mathias Schreiber (Der Spiegel Nr. 40 vom
02.10.2006)
Mathias Schreiber hat in diesem Artikel sämtliche Klischees der Früher-war-alles-besser-Sprachverfallsklage, die mindestens so alt ist wie die Schrift, wieder einmal aufgewärmt. Nein, die deutsche Sprache ist nicht "vom Aussterben bedroht". Es ist noch keine Sprache der Welt daran gestorben, dass sie zu viele Fremdwörter hatte. Im Gegenteil: Unter den Sprachen, die ich kenne, ist die mit den meisten Entlehnungen das Englische (je nach Zählweise 65 bis 90 %; sogar solche Wörter wie they, give, get, take, hit, sky, want sind von den Dänen übernommen!).
Es ist kein Zeichen von "Meinungsfreudigkeit", wenn man die Argumente derjenigen, die sich von Berufs wegen mit dem Thema auskennen – z. B. der zitierten Sprachwissenschaftler Hans Eggers, Rudolf Hoberg, Rudi Keller und Harald Weinrich – übergeht. (Keller wird sich übrigens die Augen reiben, wenn er liest, er behaupte, "Sprachwandel sei so etwas wie eine Naturgewalt". Sein ganzes Buch Sprachwandel ist eine einzige Argumentation gegen diese Vorstellung.) Ähnlich wie Chemiker mehr über Chemie wissen als Laien, wissen auch Sprachwissenschaftler mehr über Sprache. Zum Beispiel, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen der individuellen Dummheit und dem kollektiven Phänomen Sprache gibt. Lassen Sie uns diesen Artikel aufbewahren und in 30 Jahren noch einmal lesen. Zwei Drittel der kritisierten "Sprachdummheiten" werden wir gar nicht mehr kennen, und ein Drittel wird so normal sein, dass die Kritik daran lächerlich erscheint.
Das Schlimme an dieser Art Polemik ist, dass sie gegen ein Symptom polemisiert, das niemand direkt beeinflussen kann, und dabei über die Ursachen, die wir beeinflussen könnten, hinwegtäuscht: Wir müssen unser Bildungssystem wieder an die Weltspitze bringen, und wenn dann aufgrund dessen unsere Wirtschaft ein paar Jahrzehnte lang die der USA überflügelt haben wird, dann werden auch nicht mehr die Deutschen ständig Englisch sprechen, sondern die Amerikaner Deutsch.
Sprechen und Denken sind – entgegen dem zitierten Bonmot von Karl Kraus – eben nicht eins: Ich habe schon oft gedacht, ohne zu sprechen. Das hätte auch Mathias Schreiber tun sollen.
(Nur der grau unterlegte Teil des Leserbriefes wurde veröffentlicht in Der Spiegel 41 vom 09.10.2006, S. 10. Die Leserbrief-Seiten sind als kostenloses PDF erhältlich.)
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Daniel Buncic, letzte Änderung: 02.12.2006 |