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Serben schreiben ihre Sprache bald kyrillisch, bald
lateinisch, scheinbar ohne Regel, wann welche Schrift zu verwenden ist.
Die alten Ägypter benutzten in ihrer Spätzeit für monumentale
Inschriften Hieroglyphen, auf Papyrus aber Hieratisch für religiöse und
Demotisch für weltliche Texte. Am Beginn des 20. Jahrhunderts
konnten viele weißrussische Katholiken ihre Sprache nur in lateinischen
Buchstaben lesen und schreiben, viele orthodoxe Weißrussen hingegen nur
in kyrillischen. Die chinesische Sprache Xiangnan Tuhua wurde bis ins
20. Jahrhundert von Frauen in einer eigenen Schrift geschrieben,
die Männer nicht lesen konnten. Im 18. Jahrhundert wurde das
Russische in weltlichen Texten mit der von Peter dem Großen
eingeführten ›bürgerlichen‹ Variante der kyrillischen Schrift
geschrieben, in religiösen Texten aber weiterhin in der altkyrillischen
Schriftvariante. Im Okzitanischen konkurrieren zwei Orthographien um
die Vorherrschaft, die mit verschiedenen sprachpolitischen
Einstellungen verknüpft sind. Im mittelalterlichen Novgorod benutzte
man auf Birkenrinde eine andere Orthographie als auf Pergament. Das
Deutsche wurde von 1749 bis 1941 teils in Fraktur, teils in Antiqua
geschrieben. Im Tschechischen galt die in der Mitte des
16. Jahrhunderts eingeführte Rechtschreibung zwei Jahrhunderte
lang de facto nur für öffentliche Texte, während im nichtöffentlichen
Bereich weiterhin eine ältere Orthographie gepflegt wurde. Im
mittelalterlichen Skandinavien wurde nach der Christianisierung das
lateinische Alphabet nur für Texte ›für die Ewigkeit‹ benutzt, während
Alltagstexte weiterhin in Runen mit dem Messer in Holz geritzt wurden.
Im heutigen Weißrussischen gibt es neben der offiziellen
Rechtschreibung auch eine ›oppositionelle‹ Orthographie. |
Forschungs- geschichte |
Diese und über hundert weitere Sprachsituationen, in denen
eine Sprache gleichzeitig auf mehrere Weisen geschrieben wird, werden
in dieser Arbeit besprochen. Bisher waren meist nur einzelne Fälle von
Zweischriftigkeit beschrieben worden, wobei häufig ad hoc
Beschreibungsmodelle und Terminologien entwickelt wurden. So ist dieses
Phänomen unter anderem mit Ausdrücken wie Digraphie, Bigraphismus,
Zweischriftigkeit, orthographische Diglossie, Biskriptalismus oder
Multialphabetismus beschrieben worden. Dabei ist allein das Wort Digraphie
sechsmal unabhängig voneinander ›erfunden‹ und jedesmal mit
unterschiedlichen Definitionen belegt worden. Hingegen wurde bisher
versäumt, grundlegendste soziolinguistische Methoden auf
Zweischriftigkeit anzuwenden. Diese Vernachlässigung der
Zweischriftigkeit (etwa im Vergleich zu den Fortschritten in der
Erforschung der Zweisprachigkeit) ist wohl auch auf die seit
Saussure verbreitete Geringschätzung der Schrift als ›sekundäre‹
Transkription der primär gesprochenen Sprache zurückzuführen. Für
moderne Gesellschaften spielt jedoch die geschriebene Sprache eine
ungleich größere Rolle als die gesprochene, weshalb sie gerade für die Soziolinguistik
ein zentrales Betätigungsfeld sein sollte. |
Heuristisches Modell |
Um erklären zu können, unter welchen soziokulturellen
Bedingungen Zweischriftigkeit entsteht, wird in dieser Arbeit ein
typologisches Modell entwickelt, das einige fundamentale
soziolinguistische Unterscheidungen in die Schriftsoziolinguistik
überträgt. Insbesondere handelt es sich dabei um die Konzepte der
Diglossie, des Bilinguismus und der plurizentrischen Sprachen, die mit
den von Coseriu zusammengeführten Dimensionen sprachlicher Variation in
Einklang gebracht werden können. Dementsprechend ist bei
Zweischriftigkeit zu differenzieren zwischen Digraphie, wenn
die Variation zwischen den Schriften diaphasischer, diastratischer,
diamesischer oder medialer Art ist (wobei ›vertikal‹ eine hohe und eine
niedrige Schrift unterscheidbar sind), Bigraphismus, wenn die
Wahl der Schrift diasituativ (also relativ ›frei‹) erfolgt, und Schrift-Plurizentrismus,
wenn die Schriften diatopisch, ethnisch oder konfessionell verteilt
sind (also ›horizontal‹ nebeneinander stehen). Hinzu kommt eine
graphematische Unterscheidung der Systemebene: An den Oppositionen
können Schriften (wie das kyrillische und das lateinische
Alphabet), Schriftvarianten (wie Fraktur und Antiqua als
Varianten des lateinischen Alphabets) oder Orthographien
beteiligt sein. Aus einer Kombination dieser Unterscheidungen ergibt
sich ein Schema von 3 × 3 Typen von Zweischriftigkeit (außer
den drei genannten noch Diglyphie, Biglyphismus und glyphischer
Plurizentrismus sowie Diorthographie, Biorthographismus
und orthographischer Plurizentrismus). |
| Wie sich gezeigt hat, sind alle diese neun Typen nicht nur
theoretisch denkbar, sondern auch empirisch belegt, und die in einer
der neun Kategorien zusammengefassten Sprachsituationen weisen jeweils
aussagekräftige Gemeinsamkeiten auf und unterscheiden sich in
nichttrivialer Weise von den Situationen in den anderen Kategorien.
Ihren verschiedenen Entstehungsbedingungen entsprechend sind die
einzelnen Typen unterschiedlich häufig belegt. Die bei weitem
verbreitetste Art der Schriftvariation ist der (diatopische oder
konfessionelle) Plurizentrismus, während rein diasituative, ›freie‹
Verteilungen ohne ›vertikale‹ Aufgabenteilung am seltensten sind. Von
den drei graphematischen Systemebenen ist in den meisten Fällen die der
Schrift betroffen, während Orthographien deshalb seltener Gegenstand
zweischriftiger Sprachsituationen sind, weil sie einen recht hohen Grad
an sprachlicher Normierung voraussetzen. Glyphische Schriftvarianten
sind zwar stets semiotisch aufgeladen und werden oft textintern
funktionalisiert, erlangen aber nur relativ selten soziolinguistische
Relevanz für das Thema dieser Arbeit. |
Slavische Sprachen |
Einen besonders fruchtbaren Boden für die Untersuchung von
Zweischriftigkeit bieten die slavischen Sprachen, die in dieser Arbeit
vorrangig behandelt werden. Es gibt kaum eine slavische Sprache, die im
Laufe ihrer Geschichte nicht irgendwann einmal auf die eine oder andere
Art zweischriftig gewesen wäre, und slavische Sprachen sind in allen
neun Kategorien des typologischen Modells vertreten – was vermutlich
für kaum eine andere Sprachfamilie zutrifft. Zum einen liegt das
sicherlich daran, dass slavische Texte in sechs verschiedenen Schriften
geschrieben worden sind (in der glagolitischen, kyrillischen,
lateinischen, arabischen, griechischen und hebräischen). Vor allem aber
lassen sich die meisten Beispiele slavischer Zweischriftigkeit als
verschiedene Ergebnisse konkurrierender Einflüsse von West und Ost
erklären. Am offensichtlichsten ist dies in all jenen Fällen, in denen
im Grenzgebiet zwischen Slavia Latina und Slavia Orthodoxa die
lateinische und kyrillische Schrift nebeneinander benutzt werden. So
hat diese Schriftkonkurrenz im serbokroatischen Sprachgebiet über fünf
Jahrhunderte hinweg, in denen das lateinische Alphabet immer weiter
nach Osten vorrückte, diverse zweischriftige Situationen
hervorgebracht. Im ruthenischen und später weißrussischen und
ukrainischen Gebiet wird der westliche Einfluss auf die Schrift
gestoppt und letztlich sogar umgekehrt, indem in diesen Tagen die
›russifizierte‹ Narkomaŭka-Rechtschreibung des Weißrussischen die
›polonisierte‹ Taraškevica verdrängt. Ost-West-Bewegungen können auch
im Russischen beobachtet werden. Im 14. und 15. Jahrhundert setzt sich
noch die ›östliche‹ Orthographie Moskaus gegen die ›westliche‹
Rechtschreibung der Birkenrindenbriefe des Hansekontors Novgorod durch,
aber seit dem 18. Jahrhundert ist der westliche Einfluss stärker: Peter
der Große hat die kyrillische Schrift der lateinischen graphisch
angepasst und damit die altkyrillische Schriftvariante, die zuvor ein
gemeinsames Merkmal der gesamten Slavia Orthodoxa gewesen war, auf
Kirchendrucke beschränkt. Seitdem ist ein ›griechischer‹ Buchstabe des
kyrillischen Alphabets nach dem anderen außer Gebrauch gekommen, bis
schließlich die noch übrigen in der Rechtschreibreform von 1917
abgeschafft wurden. Jedoch ist diese Bewegung zum Stehen gekommen, als
1930 ein Versuch, das Russische auf das lateinische Alphabet
umzustellen, fehlschlug. Eine ironische Wendung dieser Geschichte ist
die Tatsache, dass die vorrevolutionäre Orthographie, die in einer
indexikalischen Verbindung zum ›östlichen‹ Zarentum stand, am längsten
im westeuropäischen und amerikanischen Exil überlebte. |
| In einigen Fällen berührt die Analyse zweischriftiger Phasen
in der Geschichte slavischer Sprachen für die jeweilige
Sprachgemeinschaft wunde Punkte, da Zweischriftigkeit nicht in die
heute übliche homogenisierte nationale Interpretation der
Sprachgeschichte passt. Dazu gehört etwa die Tatsache, dass die
bosnischen Muslime im 19. Jahrhundert die kyrillische Schrift
bevorzugten – und zwar nicht nur die Bosančica, sondern auch
die heute als ›serbisch‹ empfundene bürgerliche Druckschrift – oder
dass zur weißrussischen Sprachgeschichte nicht nur das orthodoxe Erbe
der Kiewer Rus’, sondern auch die lateinische Schrift gehören. Die
soziolinguistische Analyse von Zweischriftigkeit stellt solche
stromlinienförmigen Geschichtsinterpretationen in Frage, indem sie auf
widersprüchliche Einflüsse und Hybriditäten als Teil des sprachlichen
Erbes hinweist. |
| Fazit |
Mit der Erstellung eines Modells für eine soziolinguistische
Typologie von Zweischriftigkeit betritt die vorliegende Arbeit Neuland.
Damit verknüpft sich die Hoffnung, dass dies zu einer verstärkten
Wahrnehmung dieses beileibe nicht marginalen Phänomens und zu
angeregten wissenschaftlichen Diskussionen über die Verbesserung des
vorgelegten Beschreibungsmodells führt. Am Ende solcher Diskussionen
könnte dann eines Tages die Erkenntnis stehen, dass Einschriftigkeit
heilbar ist. |